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Haarausfall bei Chemotherapie
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| Mit dem Verlust der Haarpracht schwindet oft auch das Selbstwertgefühl. |
Eine Chemotherapie bei Brustkrebs geht in den meisten Fällen mit Haarausfall einher. Mit psychologischen Tipps und Tricks lässt sich die Angst vor dieser Nebenwirkung verringern; sie helfen auch, die Zeit ohne Kopfhaar besser zu bewältigen.
Es scheint so zu sein, dass sich in unserer Gesellschaft nur Männer baren Hauptes zeigen dürfen: Kahlköpfige Männer gelten durchaus als attraktiv, ihnen haftet – so z. B. prominenten Schauspielern wie Yul Brynner und Telly „Kojak“ Savalas oder dem als „Wiener Nachtclub-König“ bekannten Heinz Werner Schimanko – der Nimbus des Exzentrischen und Besonderen an. Eine Frau ohne Kopfhaar dagegen wird sofort mit „Krebs und Chemotherapie“ in Verbindung gebracht. Tatsächlich gelten – besonders lange – Haare als klassisches Symbol der Weiblichkeit; daher geben Frauen oft nicht gerade geringe Summen für Haarpflegemittel und Friseurtermine aus, um den gesellschaftlichen, aber auch ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
Es bedeutet für Frauen also eine enorme Herausforderung, wenn eine Chemotherapie bereits nach wenigen Wochen mit dem völligen Verlust der Haarpracht einhergeht. „Es war wirklich eine schreckliche Erfahrung“, berichtet die 43-jährige Wienerin Brigitte Stiborek. Bereits mit der Diagnose ihrer Brustkrebs-Erkrankung wurde sie damit konfrontiert, welche Veränderung ihres Aussehens die Therapie bedeuten würde. „Zunächst wollte ich es überhaupt nicht wahrhaben, doch ich bekam von meinem Arzt sofort den Verordnungsschein für eine Perücke“, schildert Stiborek. Noch vor Therapiebeginn suchte sie ein Perückenstudio auf: „Die Erfahrung, die ich dort gemacht habe, war total positiv: Die Beraterin war nicht nur kompetent und freundlich, sondern auch menschlich sehr einfühlsam.“
Bestmögliche Unterstützung suchen!
Gemeinsam mit Tochter und Lebenspartner versuchte Stiborek dann, sich auf die Zeit des Perückentragens vorzubereiten. „Wir haben sie alle drei anprobiert und uns gegenseitig das Gefühl geschildert – es ist zunächst so, als ob man im Schwimmbad eine Badehaube aufsetzt“, erklärt Stiborek. Nach und nach gelang es Stiborek und ihrer Familie, die Perücke zu akzeptieren: „Mein Modell hieß Ginger, wir haben sie dann einfach so genannt und sie damit gleichsam als eine Freundin angenommen.“ Die Akzeptanz mit und durch die Familie war rückblickend sicher einer der wesentlichsten Schritte, die Brigitte Stiborek geholfen haben, die Zeit nach dem chemotherapiebedingten Haarausfall zu überstehen. „Ich ging nie ohne Perücke aus dem Haus, nicht einmal aus dem Fenster gesehen habe ich ohne Perücke“, sagt sie heute.
Stiborek erhielt wie viele andere Brustkrebs-Patientinnen bereits vor der Operation insgesamt sechs Zyklen Chemotherapie. Diese – auch als neoadjuvante Therapie – bezeichnete Strategie soll helfen, den Tumor möglichst zu schrumpfen und damit das Operationsgebiet klein zu halten. „Bereits 14 Tage nach der ersten Therapie begannen die Haare büschelweise auszugehen – ich fürchtete jeden Windstoß.“ Auf ihren Wunsch rasierte ihr ihre Tochter dann die noch verbliebenen Haare ab. „Das war ganz wichtig, denn damit musste ich gleichsam nicht den ganzen Haarausfall miterleben.“ Stiborek betont auch, dass ihr Augenbrauen und Wimpern weitgehend erhalten blieben, ansonsten jedoch die gesamte Körperbehaarung von der Therapie in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Der erste Friseurtermin!
Rund ein halbes Jahr nach der Therapie begannen die Haare nachzuwachsen, insgesamt acht Monate dauerte es dann, bis die Brustkrebspatientin erstmals ohne Perücke das Haus verließ. „Ein dreiviertel Jahr nach der Therapie konnte ich mir erstmals wieder einen Haarschnitt machen lassen“, sagt Stiborek.
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| Tücher, Hüte und Perücken... Ausprobieren schadet nie. |
Gewünscht: Kosmetik-Tipps
Was Stiborek jedoch vermisst, sind professionelle Kosmetik-Tipps für Krebspatientinnen: „Gerade wenn Frauen auch Augenbrauen oder Wimpern verlieren, dann wäre eine entsprechende Schminkberatung sicher sehr hilfreich.“ Ganz ähnlich formuliert dieses Anliegen Mag.a Hedwig Wölfl, Psychoonkologin am Brustzentrum im Wiener Hanusch-Krankenhaus: „Eine kompetente kosmetische Beratung für Krebs-Patientinnen wäre ein ganz wichtiger Schritt, um den Frauen den Umgang mit dem Haarausfall zu erleichtern.“
Einzelne Patientinnen, so Wölfl, setzen auf ganz kreative Lösungen im Umgang mit dem Haarausfall: „Eine Patientin etwa hat sich eine blitzblaue Perücke ausgesucht – sie meinte, sie wollte so etwas immer schon einmal ausprobieren. “Derartige Experimente mögen zwar nicht für jede Frau einen gangbaren Weg darstellen, sie verdeutlichen jedoch, wie wichtig die individuelle Auseinandersetzung mit dem Thema ist: Trauer und negative Gefühle sind erlaubt und betroffene Frauen sollten sich ja nicht durch gut gemeinte Ratschläge vom positiven Denken unter Druck setzen lassen“, betont Wölfl. Es sei nicht nur verständlich, sondern auch „psychisch gesünder“ auf Diagnose, geplante Therapie und zu erwartenden Haarausfall negativ zu reagieren.
Eine gezielte psychoonkologische Beratung hilft, der Trauer um die Haare Raum zu geben und sich schrittweise an die neue Situation anzunähern. Das Abrasieren des Kopfes, wie es Brigitte Stiborek berichtet hat, ist sicher eine praktikable Lösung: „Es bedeutet zwar einen radikalen Schritt, verhindert aber, mitansehen zum müssen, wie die Haare büschelweise ausfallen“, unterstreicht Wölfl.
Kennen Sie Geschichten?
Die gezielte Vorbereitung auf die neue Situation, die Auseinandersetzung, mit dem, was die Frauen erwartet, ist Kern der psychoonkologischen Beratung: „Vielfach kursieren auch noch Geschichten von Familienmitgliedern, die vor vielen Jahren eine Chemotherapie erhalten haben, wobei die Bedingungen heutiger Therapien mit diesen Geschichten gar nicht mehr übereinstimmen“, erklärt Wölfl. Allerdings bedeutet eine Chemotherapie auch Erschöpfung und Müdigkeit. „Manche Frauen haben dann bereits Operationsnarben oder Ödeme – gerade dann erweist es sich als hilfreich, wenn der Umgang mit der Perücke entsprechend vorbereitet wurde“, sagt auch Mag.a Maria Hübner-Förster, Psychoonkologin sowie frei praktizierende klinische Psychologin in Baden bei Wien. „Schicke Kappen, Hüte oder mitunter auch eine neue Brille sind zusätzliche Tricks, um subjektiv Aussehen und damit das Selbstwertgefühl zu verbessern. Eine meine Patientinnen berichtet mir etwa, dass sie mit ihrer neuen Brille von ihren Kindern und ihrer Freundin die Rückmeldung bekommen habe, sie sehe nun super und viel schicker aus.“
Aussehen und Selbstwert
In den USA etwa setzen immer mehr Patientinnen auch mit der Unterstützung von Selbsthilfegruppen auf eine solche „Look good – feel better“-Strategie. „Das Aussehen hängt einfach sehr stark mit unserem Selbstwert zusammen, allerdings haben gerade Frauen oft viel länger das Gefühl, ihr Aussehen passe nicht, als dies von ihren Angehörigen, FreundInnen oder KollegInnen empfunden wird – sie sind einfach viel selbstkritischer“, weiß Hübner-Förster.
Wie Hübner-Förster erläutert, muss also nicht gleich eine Depression oder ein anderes gravierendes seelisches Problem dahinter stecken, wenn Krebspatientinnen einen Psychologen oder eine Psychologin aufsuchen: „Oft genügen wenige Gespräche, um den Übergang zu schaffen bzw. mit der Situation rund um die Therapie zurecht zu kommen.“
Praktisch unvermeidbar
„Es ist tatsächlich so, dass der Haarausfall unter Chemotherapie die einzige Nebenwirkung ist, für die wir noch keine Lösung haben“, betont Univ.-Prof. Dr. Ernst Kubista, Leiter der Abteilung für Spezielle Gynäkologie an der Medizinischen Universität Wien. „Gegen Übelkeit und Erbrechen oder die gefährlichen Blutbild-Veränderungen haben wir bereits gute Medikamente in der Hand. Alle Versuche, den Haarausfall einzudämmen wie etwa Kältehauben oder Ähnliches, sind bislang fehlgeschlagen.“
Der Grund für den auch als Alopezie bezeichneten Haarausfall liegt in der raschen Teilungsfähigkeit der Zellen in den Haarwurzeln. Genau wie die sich ebenfalls rasch teilenden Tumorzellen werden sie von den Chemotherapeutika angegriffen. „Während sie den Effekt der Therapie auf die Krebszellen nicht sehen können, wird er beim Haar ganz deutlich sichtbar“, erklärt Kubista. Neue, zielgerichtete Therapien wie Antikörpertherapien rufen für sich alleine zwar keinen Haarausfall hervor, da sie gezielt bestimmte Strukturen des Tumors angreifen, „in der Praxis werden sie aber in Kombination mit anderen Chemotherapeutika verabreicht, sodass praktisch 90 Prozent der Brustkrebspatientinnen mit Haarausfall rechnen müssen.“
Es gibt allerdings einige moderne Zytostatika, die in Bezug auf Haarausfall eine Ausnahme bilden: Capecitabine (Handelsname Xeloda), welches in Tablettenform verabreicht wird, Gemcitabine (Gemzar), Vinorelbine (Navelbine) und liposomales Doxorubicin (Caelyx). Univ.-Prof. Dr. Günther Steger, Onkologe und Programmdirektor für Adjuvante Therapie an der Medizinischen Universität/AKH-Wien: „Diese modernen Substanzen, die beispielsweise häufig beim Mammakarzinom aber auch beim Bronchialkarzinom eingesetzt werden, haben ein anderes Nebenwirkungsprofil als die anderen Chemotherapien. Sie haben den Vorteil, dass sie tumorselektiv wirken und daher gesunde Zellen weitgehend verschonen. Sie werden oft als Monotherapie verabreicht und Patientinnen, die diese Therapien erhalten, leiden kaum oder nur geringfügig unter Haarausfall.“
Hormone und Haare
Brustkrebs-Spezialist Prof. Kubista fügt hinzu, dass die bei bestimmten Tumorformen mögliche Anti-Hormon-Therapie ebenfalls Auswirkungen auf den Haarwuchs hat: „Der Haarwuchs ist östrogenabhängig und viele Frauen berichten, dass durch die hormonelle Behandlung ihr Haar dünner wird.“ Eine Hormontherapie muss im Gegensatz zur Chemotherapie jedoch über längere Zeiträume verabreicht werden, etwa 4 bis 5 Jahre im Unterschied zu einer Chemotherapie, die einige Monate dauert.
Haare kommen wieder – oft in neuer Pracht!
„Es mag vielleicht ein Trost sein zu wissen, dass die Haare, die nach der Chemotherapie nachwachsen, anders aussehen können, als die alten – manchmal sind sie gewellt, auch die Farbe kann sich verändern“, erklärt Kubista. „Für die meisten Frauen hat das Nachwachsen der Haare jedenfalls Symbolkraft: Sie sagen, sie spüren damit neue Lebenskraft.“
So lernen Sie, die Perücke zu akzeptieren
Frauen, die eine Chemotherapie vor sich haben, rät Brustkrebspatientin Brigitte Stiborek Folgendes:
- Versuchen Sie, die Perücke als positive Sache zu sehen.
- Probieren Sie die Perücke in jedem Fall noch mit Ihren eigenen Haaren, um sich ein Modell auszusuchen, dass in Farbe und Schnitt Ihrer Frisur möglichst ähnlich ist.
- Bereiten Sie sich auf das Leben ohne Haare vor und lassen sie sich vom Friseur einen Schnitt machen, der jenem der Perücke möglichst ähnlich ist.
- Kaufen Sie sich bunte Ohrringe oder anderen (Mode-) Schmuck, der Sie etwas vom Unwohlsein mit der Perücke ablenkt.
- Tragen Sie die Perücke probehalber schon vor dem Haarausfall, vielleicht einmal zum Einkaufen - das erleichtert später das Tragen in der Öffentlichkeit.
Perücke: Kosten und Pflege-Tipps
Bei österreichischen Patientinnen wird der Großteil der Kosten für eine Perücke von der Sozialversicherung übernommen; bei der Wiener und NÖ Gebietskrankenkasse fällt etwa ein Selbstbehalt von 10 Prozent an, andere Kassen refundieren ebenfalls einen Großteil der Kosten. Insgesamt kostet eine Perücke – je nach Modell – etwa 300 bis 400 Euro.
Pflege-Tipps für die neu nachwachsenden Haare werden unter anderem auf der Homepage des kalifornischen Perücken-Herstellers „World of Wigs“ aufgelistet: „Bei neu nachwachsenden Haaren sollte mit Färben oder anderen Styling-Methoden möglichst sparsam umgegangen werden, da sie noch sehr zart sind und leicht brechen“, schreiben die ExpertInnen. Ein möglichst mildes Shampoo und geringe Hitze beim Fönen schonen die neuen Haare ebenso wie Balsam für feines Haar. Haargel oder Spray sollten in der ersten Zeit dagegen nur äußerst sparsam angewendet werden.
Weitere Infos: www.worldofwigs.com
Die Autorin:
Mag. Chris Lechner ist freiberufliche Sportpsychologin und Journalistin. Sie arbeitet u. a. anderem für „Die Presse“ sowie für „Medizin Medien Austria“. Lehrbeauftragte am Universitätslehrgang für Krankenhausmanagement (Pressearbeit im Gesundheitswesen), hält regelmäßig Fortbildungsseminare im Bereich Medizinjournalismus. Vorstandsmitglied der Initiative Qualität im Journalismus (IQ). Mag. Lechner ist Mutter einer 9-jährigen Tochter.
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