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Lebenswege: Die „Seele“ vom Kirchenwirt

 

Wer aus Wien anreist, ist so lange unterwegs, dass er angenehm Zeit hat, den Alltagsstress hinter sich zu lassen. Das verträumte, kleine Siget in der Wart liegt tief versteckt im Südburgenland und ist allemal einen Ausflug wert. Nicht nur wegen der örtlichen Sehenswürdigkeit, sondern vor allem auch wegen des „Kirchenwirts“, wo bodenständige Hausmannskost auf höchstem Niveau geboten wird. Die Wirtin, Sidonie Miklos, zaubert – trotz ihrer Brustkrebserkrankung – österreichisch-ungarische Gaumenerlebnisse, die einen Besuch beim Kirchenwirt zum unvergesslichen Erlebnis machen.

 

Ein Bericht von Barbara Urban

 

Das Bild der kleinen, ehemals ungarischen Ortschaft, ist geprägt von alten Bauernhöfen mit malerischen Laubengängen. Die „Sehenswürdigkeit“ des Ortes sind zwei Kirchen, die auf einem kleinen Platz – ganz im Gegensatz zu den historischen Wirren der Gegenreformation – einträchtig nebeneinander stehen: Die Ende des 18. Jahrhunderts erbaute evangelische Pfarrkirche und gleich daneben die kleine, einfache katholische Filialkirche Hl. Ladislaus, an der man keinesfalls vorbeigehen sollte: Die schlichte mittelalterliche Steinkanzel ist mit Farbmustern bemalt, die durch ihre Einfachheit beeindrucken, die Decke der kleinen Kuppel schmücken uralte, merkwürdig anmutende figurale Malereien, die ein Erich von Däniken sicher als „Besucher aus dem All“ deuten würde. Die Kirche ist verschlossen, doch ein Schild am Tor verweist den Besucher auf den gegenüber liegenden Kirchenwirt, bei dem man den Schlüssel zur Kirche holen kann.

 

Eintauchen in eine andere Welt

Nach 20 Jahren im Wiener Gastronomiealltag kam das Ehepaar Miklos nach Siget, die Heimat des ungarischstämmigen Patrons. Schon beim Betreten des - auf den Grundmauern eines uralten Laubenhofes wieder aufgebauten - Bauernhauses mit den geweißten Wänden und dunkel gebeiztem Holz, ist das letzte bisschen Alltagshektik vergessen. Doch wer nicht nur ein Glas Wein aus dem gut sortieren Weinkeller des Patrons genießen, sondern bei den Köstlichkeiten aus der Küche zulangen möchte, sollte sein Kommen telefonisch vorankündigen: Denn Essen wird beim Kirchenwirt nur auf Voranmeldung serviert - schließlich wollen sich die Wirtsleute mit Leib und Seele um die Gäste kümmern! Und so ist gewährleistet, dass jeder Gast neben den kulinarischen Gaumenfreuden auch in den Genuss einer kräftigen Dosis Herzlichkeit und Heimeligkeit kommt.

 

Mit einem Schlag ist das Leben ein anderes

„Manchmal“, so meint die 56-jährige Sidonie Miklos, die mir in der gemütlichen Stube gegenüber sitzt, die sie gekonnt und liebevoll mit hübschen, meist uralten Unikaten bestückt hat, „manchmal fällt mir die Arbeit halt schon ein bisserl schwer.“

 

Im Oktober 2003 entdeckte sie beim Duschen plötzliche eine große Verhärtung in der Brust. „Da hab ich sofort gewusst: Das ist etwas Ernstes! Ich bin noch am selben Tag zum Gynäkologen und zur Mammografie – der Tumor war bereits 4,7 cm groß.“ Auf Grund der Größe des Tumors meinte ihr behandelnder Arzt, dass der Tumor mindestens 1,5 Jahr alt sein müsste. „Warum ich diesen Knoten nicht schon früher bemerkt habe, weiß ich einfach nicht. Ich war genau 1,5 Jahre zuvor bei der Tastuntersuchung und Mammografie und da wurde nichts festgestellt.“ Die Diagnose Brustkrebs schockte sie zutiefst. „Da hab ich sofort ans Sterben gedacht.“ Weitere Untersuchungen - eine weitere Mammografie, eine Biopsie, eine Ganzkörper-Szintigrafie, um abzuklären, ob sich bereits Metastasen gebildet hatten, folgten. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich aufgeatmet habe, als feststand, dass ich frei von Metastasen bin!“

 

Eine schwere Zeit

Im November bekam Frau Miklos ihre erste Chemotherapie, die sie sehr belastete. „Ich war so hitzeempfindlich – das Stehen beim Herd war eine einzige Qual für mich. Ich glaubte, 1.000 Ameisen würden unter meiner Haut laufen.“ Doch die Chemo schmolz den Tumor auf 2,2 cm und im April 2004 folgte die Operation, die sie im Gegensatz zur Chemotherapie als „Klacks“ empfand. Es folgten weitere Chemo- und Strahlentherapien am Wiener AKH. Eine schwere Zeit, fraglos. „Ich war so unendlich müde. Und dann kam noch dazu, dass der erste Schock über die Diagnose vorbei war - da begann die Zeit des Grübelns und Nachdenkens. Warum hat es gerade mich getroffen? Ich bekam Depressionen und hatte permanent Angst: Angst vor dem Aufstehen, Angst vor der Arbeit, Angst vor allem.“

 

Erst spät wurde ihr Her II Status erhoben. Seit März 2005 wird sie mit Herceptin behandelt. „Eine wesentliche Erleichterung für mich - jetzt muss ich bei jedem Zyklus nur jede 3. Woche für eine zweistündige Infusion ins AKH. Ein paar Tage bin ich dann zwar ein wenig beeinträchtigt - ich fühl mich schwach und meine Augen tränen manchmal - aber dann geht es mir wieder besser. Zwischen den Behandlungszyklen muss ich nur alle zwei Monate zur Monitoring-Kontrolle.“

 

Schwer enttäuscht war Frau Miklos von ihrem Hausarzt. Da er nicht bereit war, ihr die Befunde zu erläutern, suchte sie bei einem anderen Arzt Rat. „Dies hat mir mein Hausarzt wohl nicht verziehen. In zwei Jahren Krankheit hat er mich nicht ein einziges Mal gefragt, wie es mir geht. Und seine Funktion als ärztlicher Koordinator hat er leider auch nicht wahrgenommen. Jetzt wende ich mich mit all meinen Befunden immer direkt an meinen Arzt im AKH.“

 

Doch Sidonie Miklosch will und kann ihre Zeit nicht mit Ärger und Enttäuschung verschwenden, außerdem muss sie jetzt weiter. Die ersten Abendgäste werden bald eintreffen, um sich aus dem Suppentopf am Tisch herzhaft zu bedienen und sich die herrliche Hausfraukost schmecken lassen.

 

Während Frau Miklos jetzt geschäftig Richtung Küche verschwindet, meint Herr Miklos, der immer ein besorgt-wachsames Auge auf seine Frau hat „Sie ist halt die Seele des Kirchenwirts“. Schnell stellt er mir ein Glas köstlichen burgenländischen Weins auf den Tisch „um die Wartezeit bis zum Abendessen zu verkürzen“ und verschwindet ebenfalls Richtung Küche.

 

Ich nütze die Zeit und setze mich noch ein bisschen in den gemütlichen Gastgarten, um, wie der Wein-Journalist Peter Schleimer in seinem Burgenlandführer schrieb, mir „die schier unglaubliche Ruhe von Siget über meine Großstadtseele streichen zu lassen.“

 

Vorbestellung beim „Kirchenwirt“, Siget in der Wart, unter: 03352/ 325 50 oder 0664/ 12 11 716

 

Eine sehr schöne Beschreibung des „Kirchenwirts“ aus dem Buch „Burgenland“ von Peter Schleimer können Interessierte auch hier nachlesen...

 

 
   
 

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