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Lebenswege - Die Aktivistin

 

Ein Bericht von Dr. Karin Gruber, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin, Buchautorin

 

Die Wienerin Annemarie Presnik entdeckte nach der Diagnose Brustkrebs ihre Gabe für soziales Engagement und wurde zu einer der prominentesten Frauen in der Wiener „Selbsthilfe-Szene“.

 

Zweifellos stellt Brustkrebs immer einen gravierenden Einschnitt im Leben dar. Manchmal kehrt danach wieder das gewohnte Leben ein, mehr oder weniger zumindest. Manchmal fallen die Änderungen deutlicher aus – und manchmal beginnt ein völlig neuer Lebensabschnitt, so wie bei Annemarie Presnik. Vor ihrer Erkrankung war die resolute Frau in der Autobranche tätig, ein hartes Geschäft, das nicht viel Raum lässt, ganz besonders nicht, wenn daheim noch Familie und Kinder zu versorgen sind. Nach ihrer Erkrankung hat sich Annemarie Presnik mit der ihr eigenen Energie und Entschlossenheit dem Engagement in der Brustkrebsselbsthilfe gewidmet. „1991 war ein Wendepunkt in meinem Leben“, erzählt sie, „mir wurde ein Teil der linken Brust entfernt. Heute versuche ich, meine Erfahrungen an Menschen weiterzugeben, die Ähnliches mitgemacht haben oder gerade mitmachen.“

 

Wie es früher war

Früher war das Leben, so wie es viele kennen: „Seit meinem 15. Lebensjahr stand ich immer in einem Arbeitsverhältnis, ich hatte verschiedene Anstellungen und stand immer wieder unter Druck, meine Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen. Ich heiratete, bekam zwei Kinder und war weiterhin berufstätig. Meine Arbeit begann um 7 Uhr Früh und endete um 17 Uhr. Es war eine hektische Arbeit, aber es machte mir Spaß. Am Abend hatte ich noch meine Familie zu betreuen. Es war für mich alles selbstverständlich, ich bemerkte nicht, wie sehr ich unter Stress stand. Nach meiner Scheidung musste ich für meine beiden Kinder alleine sorgen und war daher gezwungen, noch zusätzlich Arbeit anzunehmen. Dadurch hatte ich auch nie Zeit, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Leider nahm ich mir auch nicht die Zeit zum Besuch eines Frauenarztes.“

 

Diagnose Krebs – und viele Fragen

Die Diagnose Krebs war so, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Krebs – das warf viele Fragen auf, für die keine Antworten in Sicht waren. Was wird aus meiner Familie? Wie soll ich meiner Familie sagen, dass ich Krebs habe? Wie werden meine Kinder das verkraften? Was erwartet mich noch? Bleibt mein Arbeitsplatz trotz langen Krankenstands erhalten? Vor allem das Thema „Krebs und Arbeit“ sollte bald einen zentralen Platz in Annemarie Presniks Leben einnehmen.

 

Man kann mit Krebs auch leben

Die ersten Gedanken an ein Engagement formten sich schon während des Spitalsaufenthalts zur ersten Operation: „Im Lauf meines Spitalsaufenthalts lernte ich Frauen kennen, die das gleiche Schicksal hatten wie ich. Durch Gespräche mit ihnen wurde mir klar, dass man auch mit Krebs leben kann. Daraus schöpfte ich die Kraft, mich mit meiner Zukunft zu beschäftigen. Wenn diese Frauen mit der Diagnose Krebs leben konnten, musste ich es auch schaffen können.“

 

Krebs und Beruf

„Es gab damals schon sehr viel Aktivitäten in der Vorsorge“, erzählt Annemarie Presnik weiter, „doch in der Nachsorge hat mir viel gefehlt, weniger was die Medizin selbst betrifft, sondern bei allen anderen Dingen“. Um die „Nachsorge“ auf menschlicher Ebene zu verbessern, hat Frau Presnik zuerst den Treffpunkt Brustkrebs gegründet: „Es hätte mir geholfen, wenn ich über die vorhandenen Möglichkeiten der psychologischen Betreuung informiert gewesen wäre und sie auch genutzt hätte. Keine Frau muss wegen ihrer Brustkrebserkrankung auf alles verzichten oder ihr Leben komplett ändern. Eher sollte sie mit positiver Einstellung den Wiedereinstieg ins Alltagsleben anstreben, um wieder aktiv mitten im Leben stehen zu können.“

 

Später kam im Rahmen der Wiener Krebshilfe und des Bundessozialamtes Wien dann noch das Projekt „Krebs und Beruf“ dazu, ein Bereich, der ihr besonders am Herzen liegt: „Es ist sehr wichtig, wieder in den Beruf zurückkehren zu können. Schließlich ist das ein wesentlicher Teil der ‚Normalität’ und man wünscht sich nach Operation und Behandlung ja nichts sehnlicher als eine ‚Normalität’“. Und der Beruf ist zweifellos ein sehr wichtiger Teil davon.

 

Der Wunsch, nach der Therapie wieder so bald wie möglich ins Berufsleben zurück zu kehren, erweist sich bei vielen Betroffenen aber als schwer oder gar nicht erfüllbar. Die Kündigung kommt dem allzu oft zuvor. „Gerade bei Kleinbetrieben kann man das ja auch verstehen“, räumt Annemarie Presnik ein, „sie können sich so lange Krankenstände einfach nicht leisten.“

 

Die Sehnsucht nach „Normalität“

Die Sehnsucht nach „Normalität“ kennen wohl alle Betroffenen, aber nicht alle entscheiden sich für ein soziales Engagement in der Selbsthilfe. Was bewegt nun eine Frau, die das sehr entschieden und mit ihrer ganzen Kraft tut? „Einen Krebspatienten kann letztlich nur ein anderer Krebspatient wirklich verstehen“, ist Annemarie Presnik überzeugt. Das gegenseitige Verstehen ist einer der hauptsächlichen Beweggründe für ihr Engagement, und dahinter steht auch das Gefühl, selbst verstanden zu werden. „Eine Selbsthilfegruppe ist gerade für die Frauen wichtig, die ihre Familie nicht mit der Problematik belasten können oder wollen“, so Annemarie Presnik, die mit „ihrer“ Selbsthilfegruppe „Treffpunkt Brustkrebs“ und ihrem Einsatz für das Projekt „Krebs und Beruf“ vielen, vielen Betroffenen ein Stück Heimat gegeben hat.

 

Kontakt:

„Treffpunkt Brustkrebs“, Annemarie Presnik

Mobil: 0688-86 43 750, E-Mail annemarie.presnik@chello.at

 

Veranstaltungsort:

Wiener Hilfswerk - Nachbarschaftszentrum

Kardinal Rauscher Platz 4, 1150 Wien

 

Veranstaltungstermine:

Immer am Dienstag - zwischen 16:30 und 18:30

 

16. Jänner 2007

13. Februar 2007

13. März 2007

10. April 2007

15. Mai 2007

12. Juni 2007

 

 

 

Die Autorin

Dr. Karin Gruber, promovierte Biologin, wechselte nach einem längeren Japan-Aufenthalt in den Journalismus. Sie arbeitet heute als Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin für Fach- und Publikumsmagazine, ist Co-Autorin medizinischer Ratgeber und in der Öffentlichkeitsarbeit für mehrere wissenschaftliche Institutionen tätig.

 
   
 

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