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Lebenswege - Die Patin

 

Ein Bericht von Dr.in Karin Gruber, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin, Buchautorin

 

Johanna Gammer im Einsatz für die Kinder

Johanna Gammer arbeitet als Paten- und Spendenbetreuerin bei der Kindernothilfe Österreich. Begonnen hat sie damit nach ihrer Brustkrebserkrankung.

 

Manchmal braucht es Zeit – oder dramatische Ereignisse – damit aus einer Unzufriedenheit eine konkrete Veränderung wird. Nach zwölf Jahren in der Marktforschung war Johanna Gammer eigentlich „reif“ für eine neue Tätigkeit. Nicht dass es der Absolventin des Lehrgangs für Markt- und Meinungsforschung und der Werbeakademie dort schlecht gegangen wäre, das nicht. Aber sie wollte etwas machen, das in Richtung Non-Profit-Organisation geht. Dann kam der Brustkrebs. Jetzt ist sie Paten- und Spendenbetreuerin bei der Kindernothilfe Österreich. „Eine klassische Geschichte“, nennt sie diese „positive Veränderung, die letzten Endes in Folge der Erkrankung stattgefunden hat.“ Und das ist bei weitem nicht das einzige Gute, das nach der Krankheit in ihr Leben getreten ist.

 

Doch von der Diagnose bis zu dieser Feststellung ist es freilich ein langer Weg, auch wenn sich Johanna Gammer immer als „leichten Fall“ gesehen hat. Aber mit Krebs ist es so wie mit einer Schwangerschaft. Man kann ebensowenig ein bisschen Krebs haben wie ein bisschen schwanger sein.

 

Zorn und Angst

Die Diagnose „Brustkrebs“ löst alle Ängste aus, die damit nur verbunden sein können. Johanna Gammer erinnert sich aber vor allem an ihren Zorn: „Gerade zu dieser Zeit habe ich mich auf so vieles gefreut – und das sollte ich nun vielleicht alles nicht mehr erleben dürfen?“ Das Dasein der alleinerziehenden Mutter war gerade leichter und lockerer geworden, die Kinder waren mit 17 und 14 Jahren „aus dem Gröbsten draußen“. Alles „läuft“ und da wäre eigentlich Raum für Freude und Genießen gewesen.

 

Aber dann kommt die Diagnose Brustkrebs „dazwischen“. Nach der diagnostischen Abklärung kommt der Tag, an dem Johanna Gammer mit ihren Befunden zur Therapiebesprechung mit ihrem Chirurgen gehen soll. Und das will sie alleine tun. „Ich mache die Dinge gerne mit mir selbst aus“, sagt sie, wobei sie eine ruhige Bestimmtheit ausstrahlt. Man spürt keine „Ich-gegen-den-Rest-der-Welt“-Haltung, wie man sie bei einer „Einzelkämpferin“, als die sie sich in Bezug auf die Krebserkrankung auch bezeichnet, vermuten würde.

Zu dem „einzelkämpferischen“ Arztbesuch kommt es aber nicht. Eine Freundin, die bereits zwei Freundinnen mit Brustkrebs unterstützt hat, weiß, was dieses Gespräch bedeutet, und begleitet sie. „Ich war dann wirklich sehr, sehr froh, dass sie dabei war“, erzählt Johanna Gammer mit Dankbarkeit. Die weiteren Ereignisse sind „klassisch“ und beginnen mit einer Operation – dass die Nähte so fein sind, freut Johanna Gammer bei jedem Blick in den Spiegel – und gehen mit einer Strahlentherapie weiter. Als „leichter Fall“ bleibt ihr die Chemotherapie erspart, nicht aber die Anti-Hormontherapie, deren Nebenwirkungen für die damals 42-jährige Frau natürlich eine Herausforderung sind. Die Frage nach pflanzlicher oder sonstiger Unterstützung, um die Nebenwirkungen zu mildern, quittiert ihre Ärztin mit der Empfehlung, eine gesprächstherapeutische Begleitung zu suchen. Das war zwar eigentlich nicht das, was Johanna Gammer wollte, aber offenbar das einzige, was sie bekommen sollte, also willigte sie ein.

 

Auszeit und Bewusstwerden

Die Gespräche mit der Therapeutin, die Johanna Gammer sonst nicht geführt hätte, gehören zu den guten Dingen, die in der fünfmonatigen Auszeit nach der Operation geschehen. Wie jede/r trägt sie Ungeklärtes und Unaufgearbeitetes aus der Vergangenheit in sich. Das wird nun aufgelöst. Eine sehr praktische Art der Unterstützung erfährt sie bei der Kur in Bad Schallerbach, die sie jeder Betroffenen wärmstens empfiehlt. Eine positive Erfahrung ist auch die Unterstützung durch den Vater ihrer Kinder, der sonst im Ausland lebt.

 

In dieser Zeit ändert sich Grundlegendes. „Ich war vor der Krankheit nicht unglücklich, aber letzten Endes habe ich doch nur funktioniert“, erzählt Johanna Gammer, „durch die Krankheit wird man zum Nachdenken gezwungen, man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Dadurch habe ich so manche körperlichen und geistigen Bedürfnisse überhaupt erst entdeckt und gelernt, bewusst danach zu handeln.“

 

Neue berufliche Heimat in der Kindernothilfe

Neues und Vertrautes

Nach der Auszeit bleibt Johanna Gammer vorerst noch bei ihrer langjährigen Firma, um Projekte abzuschließen. Als sie aber von einer Freundin hört, dass bei der Kindernothilfe Österreich eine Stelle ausgeschrieben ist, bewirbt sie sich. Eine mutige Entscheidung, denn schließlich war sie bei der Marktforschungsfirma als „begünstigte Behinderte“ eingestuft und damit so gut wie unkündbar. „Die Zeit für etwas Neues war einfach gekommen“, erklärt sie ihren Entschluss. Sie durchläuft das Auswahlverfahren bei der Kindernothilfe und schließt als Beste ab. Eine ausgeprägte Zielgerichtetheit besitzt übrigens auch ihr Sohn. Im Alter von elf Jahren sitzt er das erste Mal in einem Flugzeug und weiß von diesem Augenblick an, dass hier seine Welt und seine Zukunft sind.

 

In manchen Bereichen reicht für Johanna Gammer eine sanfte Anpassung ihrer Lebensweise. Bei der Haltung „Sport, nein danke!“ bleibt die echte Wienerin grundsätzlich, Spaziergänge im Park von Schönbrunn werden ihr aber zur lieben Gewohnheit, die ihren Ursprung in den Tagen der Strahlenbehandlung hat. Darüber hinaus beginnt sie mit Rückentraining in einem spezialisierten Studio.

 

Ihre Musikvorlieben sind gleich geblieben, nämlich Rock, Jazz und Blues, die sie gerne bei Festivals genießt. Geblieben ist auch die Freude daran, etwas mit den Händen zu machen. Das wiederum hat ihre Tochter mitbekommen, die eine Ausbildung für Innenraumgestaltung und Möbelbau macht. Johanna Gammer liegen eher die ganz feinen Sachen wie Stricken oder Nähen. Ihre Fähigkeiten reichen dabei bis zum beachtlichen Brautkleid für eine Freundin.

 

Kinder sollen zumindest eine Chance bekommen, mit Optimismus in die Zukunft blicken zu können.

Ein neues Ziel

In der Kindernothilfe Österreich hat Johanna Gammer nun „ihre“ Non-Profit-Organisation gefunden. Dabei geht es darum, Kinder in den ärmsten Regionen der Welt langfristig zu unterstützen und ihnen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Die SpenderInnen übernehmen eine Patenschaft nicht nur für das Kind, sondern auch für sein soziales Umfeld, erzählt Johanna Gammer: „Mit 31 Euro Spende pro Monat kann einem Kind regelmäßige Ernährung, Gesundheitsvorsorge und Schulbildung ermöglicht werden.“ Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf Kinder in Risikogruppen wie Straßenkinder, Aidswaisen und Kinderarbeiter.

Hilfsbereitschaft steckt an. Seit der Eröffnung des Österreich-Büros der Kindernothilfe im Oktober 2002 hat sich die Zahl der SpenderInnen mehr als verzehnfacht. Gammer: „Mittlerweile unterstützen über 32.000 Österreicherinnen und Österreicher die Projekte der Kindernothilfe Österreich – über 2.200 Patenschaften für ein Kind und seine Gemeinschaft ermöglichen Hilfe, die in die Zukunft wirkt.“

 

Weitere Informationen:

Kindernothilfe Österreich

www.kindernothilfe.at

Tel.: 01/513 93 30

 

 

Die Autorin

Dr.in Karin Gruber, promovierte Biologin, wechselte nach einem längeren Japan-Aufenthalt in den Journalismus. Sie arbeitet heute als Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin für Fach- und Publikumsmagazine, ist Co-Autorin medizinischer Ratgeber und in der Öffentlichkeitsarbeit für mehrere wissenschaftliche Institutionen tätig.

 
   
 

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