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Lebenswege - Die Weltumseglerin

 

Ein Bericht von Dr. Karin Gruber, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin, Fachuchautorin

 

Kerstin Heller ist Gynäkologin, mit Mann und Tochter ist sie um die Welt gesegelt, derzeit lebt die Familie daheim in Fürth in Franken und schmiedet Pläne für die nächsten Unternehmungen – und Kerstin Heller hatte Brustkrebs.

 

„Am meisten hat mich gestört, dass so viel Zeit für die Behandlungen draufgegangen ist“, erzählt Kerstin Heller von Ihrer Brustkrebs-Erkrankung. Das glaubt man ihr aufs Wort, denn sie vermittelt den Eindruck, in ihrem Leben sehr viel vorzuhaben. Dabei ist die Erkrankung schon ziemlich lange her. Fast 20 Jahre liegt die Diagnose „Brustkrebs“ der heute 43-Jährigen zurück.

 

Damals haben die ersten Anzeichen nicht gleich zur richtigen Diagnose geführt. In der Medizin mit ihrer rasanten Entwicklung entsprechen 20 Jahre auch einer halben Ewigkeit. „Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln wird so ein Knoten von etwa zwei Zentimetern sicherlich richtig eingeordnet, damals war das eben anders“, sagt Kerstin Heller ohne Gram. Warum sie das weiß? Weil sie Ärztin ist und ihr Fach die Gynäkologie. Damals, als sie noch studiert hat, hieß es von ärztlicher Seite aber etwas gönnerhaft „Medizinstudenten hören immer gleich das Gras wachsen“. Jung wie sie war, hat sie die Meinung „gutartig“ auch akzeptiert und sich auf ihre Ausbildung konzentriert – und nichts unternommen.

 

Es war aber nicht das Gras. Es war ein Karzinom und nach einem halben Jahr so groß wie eine Mandarine. Kerstin Heller wird sofort operiert und das hieß damals: komplette Entfernung der Brust. „Brusterhaltende Operationen standen nicht zur Diskussion“, so Heller, „genauso wie es heute keine Frage ist, mit allen Mitteln zu versuchen, die Brust zu erhalten.“

 

Auf Distanz zum Krebs

Was war das für ein Gefühl, Krebs zu haben und von der Ärztin zur Patientin zu werden? Dieser Wechsel hat für Kerstin Heller keine Bedeutung. Sie hat ihre eigene Art und Weise, Distanz zum Geschehen in ihrem Körper zu wahren. Sie gesteht dem Brustkrebs „keine große Rolle“ in ihrem Leben zu, gibt der Erkrankung nur so viel Raum wie unbedingt nötig. Nach der Operation stellt sich dann aber doch eine ungemeine Erleichterung ein, ein Hochgefühl und Dankbarkeit, dass es vorbei ist – und das gilt heute noch.

Das Leben hat es aber auch gut gemeint mit Kerstin Heller: „Wenn man so jung ist, wächst der Tumor natürlich sehr rasch, doch der Körper reagiert auch sehr rasch und heftig und wehrt sich dagegen.“ Der Tumor hat sich also nicht ausgebreitet. Doch die Abwehrreaktion des Körpers bringt starke Entzündungsreaktionen mit sich, vor allem in den Lymphknoten der Achselhöhlen. Das bedeutet Schmerzen und Probleme, die Arme zu bewegen. Außerdem werden dann linke Lymphknoten entfernt, und das heißt wiederum Nervenscherzen. Die Narbe schränkt die Beweglichkeit des Arms bis heute ein. Ein Lymphödem aber, das bleibt Kerstin Heller erspart.

 

Sehnsucht nach dem Meer

Als es dann vorbei ist mit Operation, Nachbestrahlung und der Teilnahme an einer Hyperthermiestudie, stürzt sich Kerstin Heller voll Freude in die Arbeit im Krankenhaus – „ein Segen“ wie sie sagt – und tut dies mit großem Engagement. Jahre später ein weiterer Grund zur Freude: Ihre Tochter wird geboren. Als die Kleine zwei Jahre alt ist, konkretisiert sich ein lang gehegter Wunsch immer mehr: mit dem Segelboot um die Welt zu fahren. Der Zeitpunkt erscheint günstig, zumal Ehemann Bernd eine berufliche Auszeit genommen hat. Gedacht, gesagt, getan. Vier Jahre, von 2001 bis 2005, sind die Hellers auf den Weltmeeren unterwegs.

 

Erinnerungen einer Weltumseglerin

Unsere Plauderei führt unweigerlich zu den Stationen der Weltumsegelung. Für eine „Landratte“ wie mich ein guter Zeitpunkt, Fragen zum Alltag auf See zu stellen. Wie verbringt man die Tage bei langen Überfahrten, wenn man wochenlang kein Land sieht? „Von Langeweile keine Spur“, lächelt Heller, es gibt da einen festen und dichten Zeitplan. Der Tag beginnt mit einem großen Frühstück, wenn nötig werden die Segel gewechselt, kleinere und größere Arbeiten am Boot erledigt. Da die Nächte ganz schön anstrengend sein können, folgt ein kleines Mittagsschläfchen – und das abwechselnd, damit die kleine Luca nicht allein ist. Auch für sie gibt es immer etwas zu tun, es gibt Sachen zum Basteln, Bücher zu lesen und Filme anzusehen. Auch gestrickt und genäht wird auf so einem Boot.

 

Nach dem frühen Abendessen kommt die „Funkrunde“, Plaudern mit Seglerfreunden auf der ganzen Welt, mit Freunden und Familie. Für Kerstin Heller wird die Funkrunde oft zur „Sprechstunde“. Sie hilft mir ihrem medizinischen Wissen so manchem Segler, mancher Seglerin in Nöten. Wie ist das mit dem Antibiotikum? Wie näht man die kleine Wunde? Was könnten diese Beschwerden bedeuten? Und so weiter. Um acht Uhr wird die Kleine ins Bett bugsiert und für die Eltern beginnen die Nachtwachen, bei denen sie sich im Drei-Stunden-Rhythmus abwechseln.

 

Von Insel zu Insel

Begonnen haben die Hellers ihre Weltumsegelung im Mittelmeer über den Atlantik in die Karibik. Durch den Panamakanal geht es zu den Galapagos-Inseln. Dort steigen sie auf ein Ausflugsschiff um, denn es gibt in dem streng geschützten Naturschutzgebiet nur drei Plätze, wo Privatboote anlegen dürfen. Dann verbringen sie ein Jahr im Pazifik und lassen sich vom Wind von Insel zu Insel treiben. Das Stichwort „Fidji“ sollte genügen, schließlich ist das wohl das Symbol schlechthin für alle Südseeträume der Festlandeuropäer. Und die Hitze, die Anstrengungen? „Ich hatte nicht mehr Probleme damit wie jeder andere auch“, erzählt Heller. Aber die Angst vor einer neuerlichen Erkrankung? Die war nie da. Eine einzige Kontrolluntersuchung macht Kerstin Heller, aber daheim bei einem „Urlaub vom Urlaub“ sozusagen. Die Abstände für ehemalige Patientinnen werden ja auch immer größer.

 

Träume und Albträume liegen bei einer so großen Unternehmung wie einer Weltumseglung oft nah. In Thailand zum Beispiel haben sie die Zerstörungen des Tsunami hautnah miterlebt. Nur eine Tagesfahrt sind sie von einem Strand entfernt, der völlig verwüstet wird. Viele schwärmen von Neuseeland, aber da begegnen die Weltreisenden eher widrigen Umständen. Kühl, regnerisch, windig – „Mistwetter“ also – und darüber hinaus Massen von Touristen. Der Grund dafür überrascht vielleicht: Es sind Dreharbeiten für den Film „Herr der Ringe“ im Gange und bei weitem nicht nur die daran Beteiligten bevölkern Neuseeland. Als die Hellers nach drei Wochen auch noch in einen Autounfall verwickelt werden, haben sie endgültig genug von der an sich wunderschönen Insel. Das nächste Ziel: Australien. Da das Ehepaar Heller sich ziemlich ähnlich ist, was das „Viel-vorhaben-im-Leben“ betrifft, macht Herr Heller kurzerhand den Flugschein.

 

Vor knapp zwei Jahren sind sie wieder heimgekommen. Die kleine Tochter ist nicht mehr ganz so klein und geht zur Schule, die Arbeit als Ärztin reichert Kerstin Heller mit vielen Fortbildungen an – und in der Garage stehen zwei Geländemotorräder und vielleicht bald ein Wohnmobil. Die nächsten Abenteuer warten. Brustkrebs war einmal. Schließlich gilt man nach 12 Jahren als gesund und hat dasselbe Risiko wie jede andere auch.

 

 

Die Autorin

Dr. Karin Gruber, promovierte Biologin, wechselte nach einem längeren Japan-Aufenthalt in den Journalismus. Sie arbeitet heute als Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin für Fach- und Publikumsmagazine, ist Co-Autorin medizinischer Ratgeber und in der Öffentlichkeitsarbeit für mehrere wissenschaftliche Institutionen tätig.

 
   
 

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