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Lebenswege: Die Marathon-Frau
Ein Bericht von Dr. Sigrid Ofner – freie Wissenschafts- und Gesundheitsjorunalistin
Unabhängig voneinander bestellen wird das Selbe: Ein großes Soda-Zitron und Blattsalat mit gegrillten Putenstreifen. Obwohl ich die Frau, die mir an diesem heißen Sommerabend im Lauf-Outfit in einem Lokal an der Alten Donau gegenüber sitzt, zum ersten Mal sehe, wundert mich diese Übereinstimmung nicht. Schon bei unserem Telefonat zwei Tage davor habe ich gemerkt, dass die Wellenlänge passt, und beim Betreten des fast voll besetzten Gastgartens erkannte ich sie sofort. Dr. Alexandra Rott-Gredler, dunkle Haare, sportlich, gesunde Sonnenbräune. Der Grund für unser Treffen – ihre Erkrankung an Brustkrebs vor fünf Jahren.
Unser Treffen findet nach ihrem Lauftraining statt. Ihre Erkrankung - und andere Schicksalsschläge, von denen sie im Laufe des Abends berichten wird - sind ihr absolut nicht anzusehen.
„Genau am zehnten Todestag meines Mannes habe ich erfahren, dass eine Operation des Tumors in meiner rechten Brust notwendig ist. Aber begonnen hat alles eigentlich lange davor“, erzählt sie. Er war die Liebe ihres Lebens, seinetwegen war sie von Tirol nach Wien übersiedelt. Sie ist überzeugt davon, dass der Schock über den Todesfall der Auslöser für die Wucherung der unerwünschten Zellen war. Wundern würde es nicht, denn es war ein grauenvolles Erlebnis: Hochschwanger und voller Zukunftspläne kam sie damals vom Einkaufen zurück. „Ich habe sofort beim Betreten der Wohnung bemerkt, dass etwas Furchtbares passiert sein muss.“ Sie fand ihren Ehemann tot auf dem Sofa. Herzinfarkt. „Seither weiß ich, was Totenstille ist.“
Zwei Monate später kam ihre Tochter zur Welt. „Was sollte ich tun?“, fragt Alexandra Rott-Gredler, „das Kind brauchte mich. Ich musste einfach funktionieren, also habe ich alles verdrängt. Das war kein Leben, sondern Stillstand und der wurde, so zynisch das klingen mag, erst durch die Diagnose Brustkrebs unterbrochen. Vielleicht war das der Sinn? Endlich mit der Vergangenheit abschließen und wieder leben zu können? Für mich war der Krebs nicht die große Katastrophe. Ich wusste, so schlimm, wie damals als mein Mann starb, kann es nie wieder werden. Die Diagnose bildete eine Art Schnittstelle. Ab dem Moment ging es nur noch aufwärts.“
Im Zweifelsfall Zweitmeinung einholen
Acht Jahre ist es nun her, da erkrankte eine Freundin von ihr an Brustkrebs. Rott-Gredler: „Das hat mich in totale Panik versetzt. Ich habe sofort nach unserem Telefonat meine Brust abgetastet und wirklich einen Knoten entdeckt.“ Vom Hausarzt ließ sie sich zum Radiologen überweisen. Dieser fand nichts und meinte, sie sei bloß hysterisch. „In so einem Fall ist es extrem wichtig, auf sein Körpergefühl zu achten, und, wenn man einem Arzt, einer Ärztin nicht 100% vertraut, eine zweite Meinung einzuholen“, rät sie. Die Radiologin, die sie als nächstes aufsuchte, wurde dann auch tatsächlich fündig, glaubte allerdings, es würde sich um eine harmlose Zyste handeln.
Drei Jahre lang waren Sonographie- und Mammographie-Befunde unbedenklich, doch dann – Rott-Gredler hatte sich eine Hormonspirale einsetzen lassen – begann der Knoten rasant zu wachsen. Und genau am 10. Todestag ihres Mannes wurde ihr gesagt, dass der Knoten nun sofort entfernt werden müsse. 2,2 cm war er bereits groß. „Ich hatte großes Vertrauen zu meinem Chirurgen Univ.-Prof. Dr. Reinhard Obwegeser vom AKH in Wien und mir leuchtete ein: Was nicht mehr da ist, kann nicht mehr wachsen.“ Ein rezeptorpositiver Tumor im Stadium 2 war es gewesen, Lymphknoten waren glücklicherweise noch keine befallen. Es folgten Behandlungen mit Antihormonspritzen (GnRH-Analogon Zoladex®, Wirkstoff Goserelin), oraler Hormontherapie (Novaldex®; Wirkstoff Tamoxifen) und vierwöchiger Strahlentherapie in geringer Dosis. „Chemo habe ich keine gebraucht“, ist Dr. Rott-Gredler heilfroh, „und der Chirurg hat seine Arbeit perfekt erledigt. Er musste vier Quadratzentimeter Brustgewebe entnehmen, heute ist kaum noch eine Narbe zu sehen.“
Komplementärmedizinische Therapien, wie z.B. TCM-Massagen, hat die im Großen und Ganzen mit der Schulmedizin zufriedene Patientin ergänzend angewendet.
Laufen tut der Seele gut
Durch die Antihormonbehandlungen setzte bei Rott-Gredler frühzeitig der Wechsel ein, was zur Folge hatte, dass die Werte bei den Knochendichtemessungen in den Minusbereich sanken. Sportliche Betätigung wurde ihr dringend empfohlen. Deshalb hat sie vor zweieinhalb Jahren zu laufen begonnen. „Zuerst fand ich es furchtbar fad und habe nach 500m schon gekeucht“, gibt sie zu, „doch dann habe ich angefangen, mir Ziele zu setzen und darauf hin zu trainieren. Zweimal bin ich beim Wiener Frauenlauf die 5 km mitgelaufen, heuer die 10 km-Distanz.“ Für August hat sie sich ihren ersten Halbmarathon am Wörthersee vorgenommen, und dann geht es nach Berlin zum Marathon.
„Durchs Laufen bekomme ich meinen Kopf frei“
Mehr als 42 km. Für diese Herausforderung trainiert sie fünfmal pro Woche je ein bis drei Stunden. Bei der Erstellung des Trainingsplans wurde sie von einer Sportärztin und Internistin beraten, die sie auch physisch durchgecheckt hat. Alles ok. Mit leuchtenden Augen schildert Rott-Gredler: „Ich fühle mich durchs Laufen einerseits körperlich topfit, andererseits tut es der Seele wahnsinnig gut. Ich kriege dadurch den Kopf frei, kann Probleme durchdenken und sie einfach loslassen.“ In die deutsche Hauptstadt wird sie, begleitet von ihrer Tochter, Ende September reisen. Vor dem sportlichen Höhepunkt ist Kulturgenuss geplant. Die Germanistin und Publizistin hat bereits Theaterkarten für Brechts „Dreigroschenoper“ besorgt. Der Kurzurlaub wird eine willkommene Abwechslung vom Alltag. „Die Arbeit“ – Rott-Gredler unterrichtet Deutsch für AusländerInnen am Berufsförderungsinstitut – „ist oft sehr anstrengend, aber das Laufen hilft mir beim Stressabbau. Ich bin dadurch viel ruhiger geworden“, schildert die lebensfrohe Frau einen weiteren Vorteil ihres neuen Hobbys.
Durchs Reden andere zur Vorsorge motivieren
Ans Sterben hat die heute 48-jährige Alleinerzieherin nur einmal gedacht, als ihr ein Arzt im SMZ Ost mit den Worten „Zwei Monate auf die Bestrahlungen warten? Unmöglich, dann ist es zu spät“, nicht gerade sehr einfühlsam mitteilte, dass sie für die Radiotherapie doch täglich ins AKH fahren müsse. „Das war grauslich! Aber es gibt keinen Nachteil ohne Vorteil“, ist Rott-Gredler überzeugt: „Im AKH waren alle immer ausgesprochen freundlich und positiv eingestellt.“ Die Zukunft ihrer Tochter hatte sie für den „Fall der Fälle“ geplant. Ihre Schwester hatte sich bereit erklärt, das Volkschulmädchen, wenn nötig, bei sich aufzunehmen.
Obwohl Alexandra Rott-Gredler kaum noch an den Krebs denkt – „nur ca. eine Woche vor der jährlichen Kontrolluntersuchung werde ich ein bisschen nervös“ – spricht sie oft mit Frauen darüber. „Ich will motivierend wirken, denn die Vorsorgeuntersuchungen sind sehr wichtig. Ich hatte enormes Glück, dass das Geschwür rechtzeitig entdeckt wurde! Auch mein Chirurg betonte immer wieder, dass wir es besser nicht hätten erwischen können.“
Damit ist wohl das Wichtigste gesagt und langsam wird es hier am Wasser auch etwas kühl. Wir beschließen aufzubrechen. Beim Abschied fragt mich Alexandra Rott-Gredler, ob ich nicht nächstes Jahr den Frauenlauf im Prater mitlaufen möchte. Und da ist es wieder, das Leuchten in ihren Augen. Ja, warum eigentlich nicht?
Dr. Sigrid Ofner ist freie Wissenschafts- und Gesundheitsjorunalistin
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