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Der Kirchenwirt aus Siget in der Wart

Auszug aus dem Buch von Peter Schleimer: "Burgenland"

 

Siget in der Wart

Die entzückende, verträumte kleine Ortschaft ist ungarisch und war früher eine Siedlung von Bogenschützen, die später geadelt wurden. Im Ort gibt es zahlreiche alte Bauernhöfe mit hübschen Laubengängen. Gleich neben der Ende des 18. Jahrhunderts erbauten evangelischen Pfarrkirche, die einen ursprünglich für Stadtschlaining bestimmten klassizistischen Kanzelaltar aufweist, steht die einfache katholische Filialkirche Hl. Ladislaus, vom Typus her romanisch mit verzogenem Grundriss. Ein Bild zeigt die Maria Immaculata in ungarischer Tracht. Sehenswert ist auch die schlichte mittelalterliche Steinkanzel, die mit einfachen Farbmustern bemalt ist. In Siget werden ungarische Volkstänze gepflegt.

 

Kirchenwirt, Familie Miklos

Nach 20 Jahren im Wiener Gastronomiealltag kam das Ehepaar Miklos nach Siget, Heimat des ungarischstämmigen Patrons. Ein traditioneller Laubenhof, von dem nur die Grundmauern erhalten waren, wurde im bäuerlichen Stil neu aufgebaut: Geweißte Wände und dunkel gebeiztes Holz verleihen dem uralten Bauernhaus die gebührende Atmosphäre. Dasselbe gilt für das Mobiliar: Neben ihrer Funktion als Küchenchefin agierte die gebürtige Kärntnerin gekonnt als Innenarchitektin. Sie besuchte Altwarentandler und Bauern, stöberte in Scheunen und auf Dachböden und brachte bildhübsche, meist uralte Unikate mit, aus denen sie ein ideales Möbelpuzzle zusammensetzte.

 

Die Küche bietet richtig gute, original ungarische Hausmannskost - deftig und mit kräftiger Würzung: Eintopf und Gulyas, Rindfleischgerichte mit Paprika, Zwiebeln und Knoblauch und zur Kürbiszeit diesen in allen Variationen. Dabei fällt das Ganze zwar rustikal, aber nicht derb aus. Die Spezialitäten sind auf einer Tafel vermerkt, und wenn jemand partout ein Kotelett will, dann kriegt er es auch - selbst Schuld! Am besten hält man sich an die Empfehlungen.

 

Portionen gibt es beim Kirchenwirt keine. Der Suppentopf wird auf den Tisch gestellt, und man nimmt. Wenn man noch mal will, dann bedient man sich einfach noch mal. Es folgt Fleisch mit Beilagen und Zugaben wie Saucen oder Semmelkren - die Prozedur wiederholt sich; dasselbe gilt bei der Nachspeise, und zum Schluss zahlt man die Pauschale, inklusive Schnapserl, und unabhängig davon, ob es zwei oder fünf Schöpfer Suppe waren.

 

Essen wird beim Kirchenwirt nur auf Voranmeldung serviert, schließlich wollen sich die Wirtsleute mit Leib und Seele um ihre Gäste kümmern. So kann es vorkommen, dass an manchen Tagen nur zwei Tische besetzt sind - nicht weil keine Gäste kommen, sondern weil wahrscheinlich der Vortag total voll war und die »innere Gästekapazität« nur zwei Tische umfasst. Gehört man allerdings zu diesem erlesenen Kreis, profitiert man von der kräftigen Dosis Herzlichkeit und Heimeligkeit.

 

In der wärmeren Jahreszeit kann man sich die schier unglaubliche Ruhe von Siget im Garten über die Großstadtseele streichen lassen - außer am geschäftigen Wochenende.

 

Das Ehepaar widmet sich auch liebevoll der gekonnt bäuerlichen Schmückung des Interieurs. Blumen- und Kräutergestecke, Tischtücher und auch das Geschirr mögen - zusammen mit dem Haus, den Wirtsleuten, dem Essen und den Sitten - manchen Städter daran erinnern, wie er - unwillig - von den Eltern aufs Land zu Oma, Tante oder sonst einem herzlichen Kinderschreck verschleppt wurde, um erst bei der Heimreise - still und mit einem Kloß im Hals - draufzukommen, wie schön das alles in Wirklichkeit sein kann.

 

Aus:

Peter Schleimer, "Burgenland", Deuticke 1997, S 296ff

ISBN: 3216301958

 

 
   
 

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