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Lebenswege: Die Vizebürgermeisterin

 

Ein Bericht von Dr. Karin Gruber, Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

 

Eva Steyrer kann einen ziemlich verblüffen. „Ich bin froh über meine Erkrankung“, sagt sie, „denn ohne sie wäre mir vieles nicht bewusst geworden. Heute weiß ich, was im Leben zählt.“ Die Vizebürgermeisterin einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich ist ein Mensch, der nicht nur Betroffenen viel zu sagen und zu geben hat.

 

„Servus Eva“, ruft jeder, dem wir auf unserem kurzen Weg durch den Ort begegnen. Dass man sich in einem 1.500-Seelen-Dorf wie Rohrbach an der Gölsen kennt und grüßt, ist ja an sich nichts Besonderes. Was jedoch auffällt, sind Achtung, Respekt und Freude über die Begegnung, die in diesem „Servus Eva!“ mitschwingen. Nun war Eva Steyrer immer schon sehr aktiv in der Ortsgemeinschaft, bekannt als Sozialarbeiterin in der Jugendwohlfahrt, als Gemeinderätin – und als ein Mensch, von dem man alles haben kann. Eva wird das schon machen, Eva ist hilfsbereit, Eva ist immer da und erreichbar. „Ich war ein Turbo in alle Richtungen“, erzählt sie und das kann man sich sehr gut vorstellen.

 

Aber dann kam der 11. November 1998. Die morgendliche Dusche, der Knoten, noch am selben Tag die sichere Diagnose: „Es sieht nicht gut aus“, Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium, ein Tumor von der Größe eines Golfballs. Es folgen Chemo erster Durchgang, Operation, Chemo weitere Durchgänge – das „volle Programm“ sozusagen.

 

Heute macht Eva Steyrer im Prinzip dasselbe wie früher. Und doch ist alles anders. „Am Tag meiner Diagnose habe ich begonnen, auch für mich selbst zu kämpfen – das habe ich vorher nicht gekannt“, erzählt sie, die im Jahr 2000 zur Vizebürgermeisterin von Rohrbach gewählt worden ist. Eigentlich hat sie die Krankheit nicht unvorbereitet getroffen – wiewohl man sich wahrscheinlich überhaupt nicht „vorbereiten“ kann auf das, was da kommt. Die Mutter ist mit 46 Jahren an Brustkrebs gestorben und das Herannahen dieses Alters war mit Angst, mit großer Angst, verbunden gewesen.

 

Was heute anders ist…

„Jetzt ist das Leben lebenswert“, resümiert Eva Steyrer und nimmt ihren Kater zärtlich auf, der sein Futter einfordert. Freilich ist sie in gewissem Sinn auch heute noch ein „Turbo“, aber einer, der nicht mehr Gefahr läuft, zu „überhitzen“ und dabei kaputt zu gehen. Erste Anzeichen in diese Richtung waren nämlich durchaus da gewesen. Heute „schnurrt“ der Turbo optimal eingestellt, die Balance von Energiezufuhr und -verbrauch ist voll unter Kontrolle. “Die Leute sagen, ich bin gelassener geworden“, erzählt die Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Mädchen. Sie nimmt jetzt das, was sie als Säulen eines ausgewogenen Lebens erkannt hat, ganz bewusst „in Anspruch“. Dazu gehören: Zeit, Liebe, Vertrauen, Gemeinschaft und Gesundheit.

 

Was die Zeit zum Beispiel betrifft: Früher hat Eva Steyrer die Dienstfreistellungen bei weitem nicht in Anspruch genommen, die ihr für die Tätigkeit als Gemeinderätin zugestanden wären. Die Arbeit wurde also in der „Freizeit“ gemacht. Heute geht sie mit ihren Ressourcen schonender um. Sie schaut genau „Wo ist mein Auftrag?“ und das gilt für alle Ebenen im Leben. Dieses Bewusstsein drückt sich in einer großen Klarheit aus, die ihre Wirkung auf die Umgebung nicht verfehlt. Die anfängliche Befangenheit der Leute im Dorf ist verschwunden.

 

Was die Gesundheit betrifft: Geraucht wird nicht mehr, kein Tropfen Alkohol wird konsumiert – was bei der Allgegenwärtigkeit des ländlichen „Schnapserls“ gar nicht so einfach ist – dafür hat die Bar im Ort ihr Angebot um Fruchtsäfte erweitert. Die eigenen Arzttermine werden heute selbstverständlich wahrgenommen – und dreimal die Woche steht Walking auf dem Programm.

 

Der Weg zum Leben

Wenn Eva Steyrer heute von ihrem Arzt hört „Es sieht ganz nach Heilung aus“, so ist sie sich bewusst, dass dies nicht nur von außen, sondern auch von innen kommt. Nicht nur von ÄrztInnen und TherapeutInnen, die sie begleitet und betreut haben, sondern ganz wesentlich aus ihr selbst.

 

Ein Schlüssel oder vielleicht sogar „der“ Schlüssel ist die ganz persönliche Entscheidung für ein „Ja zum Leben“. Wobei das nichts mit einer rosaroten Brille zu tun hat: „Positiv denken bedeutet für mich die Chance, lebensbejahend meinen ganz persönlichen Weg zu gehen und mich aus einer inneren Freiheit heraus zwischen Pflichtgefühl und Lebensfreude durchzuschlängeln.“

 

Zwei „rote Fäden“ ziehen sich durch die vergangenen acht Jahre. Der eine liegt im unbedingten Vertrauen in die Medizin, begründet durch den behandelnden Arzt Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda und das Team im Krankenhaus Lainz. „Ich bin zu jeder Chemo gerne nach Wien gefahren“ ist wieder so eine verblüffende Äußerung von Eva Steyrer.

 

Der zweite „rote Faden“ liegt im Ausloten der mentalen Ebene. „Durch meinen erkrankten Körper habe ich mich sehr intensiv erlebt und die Disharmonie zwischen Geist und Körper gespürt“. Doch wo beginnen? Wo ansetzen? Ein mühsamer Prozess, eine anstrengende innere und äußere Auseinandersetzung ist die Suche nach dem, was gut tut, was im weitesten Sinn des Wortes „gesund“ ist. „In den vergangenen acht Jahren habe ich gezählte 265 Bücher gekauft“, schmunzelt Eva Steyrer. Im Lauf der Zeit haben sich dann die „richtigen Kraftquellen“ erschlossen – ob es nun ein Platz in den Bergen ist, Qi Gong oder was auch immer gerade das Richtige ist.

 

Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bleibt nicht aus. „Mir ist zum Beispiel bei Familienaufstellungen sehr viel klar geworden. Und eines Tages hatte ich dabei das Gefühl, dass sich der Tumor aufgelöst hat.“

Nicht nur die Krankheit verändert, erst recht die Bewältigung. Gerade die engsten Beziehungen müssen oft neu definiert werden. „Ich bin nicht mehr die Frau, die mein Mann vor nun fast 30 Jahren geheiratet hat“, räumt Eva Steyrer ein und erzählt, dass ihre Ehe durch die Krankheit eine bisher unbekannte Innigkeit gewonnen hat. Und was da mitschwingt ist eindeutig: Dankbarkeit.

 

Vizebürgermeisterin mit „gut eingestelltem Turbo“

Die Arbeit für die Dorfgemeinschaft trotz Krankheit nicht aufzugeben, war ihr sehr wichtig. Und so stellt sie sich auch mit Herz und Seele ihren Aufgaben als Vizebürgermeisterin. Doch, wie schon eingangs erwähnt, geht sie die Dinge heute viel gelassener an. Und da es sich mit „gut eingestelltem Turbo“ einfach besser fährt, achtet sie sorgfältig darauf, dass es auch so bleibt in ihrem „neuen“ Leben.

 

Buchtipp:

Eva Steyrer hat ihre Erlebnisse, ihre Empfindungen und vor allem das Gefühl, niemals aufgeben zu wollen, in einem Buch niedergeschrieben und im Eigenverlag veröffentlicht.

 

Zu beziehen über http://geheilt.at oder Eva Steyrer, Jörgerstraße 26, 3163 Rohrbach. Mit jedem verkauften Exemplar wird die Österreichische Krebshilfe unterstützt.

 

Die Autorin

Dr. Karin Gruber, promovierte Biologin, wechselte nach einem längeren Japan-Aufenthalt in den Journalismus. Sie arbeitet heute als Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin für Fach- und Publikumsmagazine, ist Co-Autorin medizinischer Ratgeber und in der Öffentlichkeitsarbeit für mehrere wissenschaftliche Institutionen tätig.

 

 

 
   
 

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