Während einer Schwangerschaft an Brustkrebs zu erkranken, bedeutet nicht, dass die werdende Mutter ihr Kind verlieren muss – Operation und sogar Chemotherapie sind möglich, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Singer.

Das Gespräch führte Mag.a Chris Lechner, Medizinjournalistin

Donna: Was bedeutet es, wenn die Diagnose einer Brustkrebserkrankung während oder kurz nach einer Schwangerschaft gestellt wird?

Univ.-Prof. Dr. Christian Singer, Stv. Leiter der Abt. für Spezielle Gynäkologie & Leiter der Arbeitsgruppe für familiären Brust- und Eierstockkrebs an der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde in Wien.Singer: Noch bis vor wenigen Jahren hatten wir Ärzte schwangeren Frauen angesichts einer Brustkrebserkrankung zu einem Abbruch geraten. Heute wissen wir, dass wir schwangere Frauen mit Brustkrebs durchaus gut therapieren und auch operieren können. Was die Operation angeht, so birgt diese zwar das Risiko einer Fehlgeburt – das gilt aber für eine Krebsoperation genauso wie für eine akute Blinddarmoperation und es ist insgesamt als sehr gering einzustufen.

Zu bedenken ist auch, dass bei einer brusterhaltenden Operation eine Nachbestrahlung nötig ist und eine solche erst nach der Schwangerschaft durchgeführt werden kann, weil Strahlen Missbildungen verursachen können. Wenn die Mutter das wünscht, kann die erkrankte Brust ganz entfernt werden, damit entfällt in den meisten Fällen die Bestrahlung. Eine Chemotherapie ist ebenfalls während einer Schwangerschaft durchführbar, obwohl die Substanzen die Plazenta passieren und daher während des ersten Schwangerschaftsdrittels nicht gegeben werden sollten, denn in dieser Zeit werden die Organe des Kindes gebildet. Eine antihormonelle Behandlung während der Schwangerschaft ist ausgeschlossen - sie hätte zu große Auswirkungen auf das Ungeborene.

Donna: Welche Auswirkungen hat die Therapie auf die Entbindung?

Singer: Die meisten Fachgesellschaften empfehlen heute, einen Kaiserschnitt zu machen, sobald es für das Kind sicher und gefahrlos ist. Der optimale Zeitpunkt dazu ist allerdings noch nicht einheitlich festgelegt; er dürfte aber zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche liegen.

Die Krebsbehandlung sollte bei einer Schwangerschaft unbedingt in Spezialzentren erfolgen.Donna: Welche klinischen Erfahrungen gibt es bislang über die Auswirkungen der Therapie auf die Kinder?

Singer: Da es nicht möglich ist, schwangere Frauen in klinische Studien aufzunehmen, haben wir insgesamt bislang nur begrenzte Informationen über die Krebstherapie. Was jedoch bereits geschieht, das ist die Auswertung von Behandlungsdaten schwangerer Frauen und ihrer Kinder in einem Patientenregister. Bislang zeigte sich dabei, dass eine Therapie mit bestimmten Chemotherapien nach der zwölften Schwangerschaftswoche keine nachteiligen Auswirkungen auf die Kinder hat. Diese Daten sind aber noch nicht endgültig ausgewertet und der Beobachtungszeitraum soll bis zum fünften Lebensjahr der Kinder ausgedehnt werden. In jedem Fall ist eine Brustkrebsbehandlung während einer Schwangerschaft immer eine sehr individuelle Entscheidung und es gilt, die jeweils beste Option für Mutter und Kind zu finden. Eine schwangere Frau, die an Brustkrebs erkrankt, sollte daher unbedingt an einem Spezialzentrum behandelt werden, das idealerweise auch über eine geburtshilfliche Abteilung mit angeschlossener Neonatologie verfügt.

Donna: Brustkrebs ist eine Diagnose, die einen massiven Einschnitt in der Lebensführung bedeutet. Wie kann man den zusätzlichen psychischen Belastungen in Folge einer Diagnose während der Schwangerschaft begegnen?

Singer: Auch unter diesem Aspekt sollten sich betroffene Frauen unbedingt an ein Spezialzentrum wenden, in dem eine adäquate psychoonkologische Betreuung für die gesamte Familie garantiert ist. In die Erkrankung der werdenden Mutter sind schließlich auch Partner und Geschwisterkinder stark involviert.

Schwangerschaft ist auch nach Brustkrebs möglich.Donna: Wenn wir ganz offen über die Prognose von Brustkrebs während oder kurz nach einer Schwangerschaft reden, was sagen Sie den Patientinnen?

Singer: Ein Mammakarzinom wird heute zunehmend als eine chronische Erkrankung angesehen, die in den meisten Fällen gut behandelbar ist. Bei jüngeren Frauen während der Schwangerschaft haben wir es allerdings oft mit besonders aggressiven Formen zu tun, die eine dementsprechend aggressive Behandlung erfordern – daher sollte eine Brustkrebserkrankung während oder kurz nach der Schwangerschaft behandelt werden, um die Prognose der Frau zu verbessern. Die Mehrzahl der Frauen ist nach einer solchen Therapie auch völlig gesund. Unbedingt sollten die empfohlenen Nachuntersuchungen eingehalten werden, denn gerade aggressive Tumore können leichter Rezidive hervorrufen.

Donna: Was bedeutet eine Schwangerschaft überhaupt für das Risiko einer Krebserkrankung der Brust?

Singer: Lange Zeit dachten wir, dass eine Schwangerschaft in jedem Fall einen schützenden Effekt ausübt. Auf Grund aktueller Untersuchungen wissen wir nun, dass es einen Unterschied macht, ob eine Frau vor oder nach dem 35. Lebensjahr schwanger geworden ist. Für Frauen unter 35 bedeuten eine oder mehrere Schwangerschaften ein insgesamt verringertes Brustkrebsrisiko, spätere Schwangerschaften erhöhen das Risiko dagegen geringfügig. Allerdings gibt es – unabhängig davon, in welchem Alter eine Frau schwanger wird – eine Erhöhung des Brustkrebsrisikos in den ersten drei bis fünf Jahren nach einer Entbindung. Wahrscheinlich hängt dies mit der hormonellen Situation zusammen, auch das Stillen und die Rückbildung der Brust nach der Geburt dürften eine Rolle spielen.

Donna: Wenn es unmittelbar nach einer Schwangerschaft ein erhöhtes Brustkrebsrisiko gibt, welche Vorsorgemaßnahmen empfehlen Sie dann Frauen, die kürzlich entbunden haben?

Singer: Wir sehen tatsächlich in den letzten Jahren häufiger Frauen, bei denen während der Schwangerschaft oder kurz danach eine Brustkrebserkrankung diagnostiziert wird. Das hat auch damit zu tun, dass sich viele Frauen heute erst über 35 für ein Kind entscheiden und mit dem Alter das Risiko für Brustkrebs steigt. Daher empfehlen wir Frauen ab dem 35. Lebensjahr, die eine Schwangerschaft planen, zuvor noch eine Mammographie und eine Ultraschalluntersuchung der Brust machen zu lassen. Auch nach dem Abstillen sollten die Frauen einen Kontroll-Ultraschall, eventuell eine Mammographie, durchführen lassen. Während der Schwangerschaft selbst ist es sehr schwierig, die Brust zu untersuchen, da das Gewebe dichter wird.

Donna: Ist es auch möglich, nach einer Brustkrebserkrankung schwanger zu werden?

Singer: Ja, das ist sehr wohl möglich und wir können davon ausgehen, dass eine Schwangerschaft nach Brustkrebs die Gefahr eines Rückfalls nicht vergrößert, sondern im Gegenteil vielleicht sogar verringert. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass es nach einer Krebserkrankung nicht mehr so leicht ist, schwanger zu werden, da unter der Therapie der Zyklus oft aussetzt.

Donna: Herzlichen Dank für das Gespräch!