Paul Ehrlich, der Begründer der Immunologie, stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine These auf: Krebsnester entstehen im Körper fortwährend – doch den Immunzellen gelingt es in der Regel, diese wieder zu entfernen. Je mehr man über Krebserkrankungen lernte, desto klarer wurde: Ehrlich lag richtig. Die körpereigene Abwehr beseitigt ständig entartete Zellen, die Entgleisungen bleiben daher folgenlos. Mitunter versagt das Immunsystem allerdings, aus bislang nicht geklärten Ursachen.

Welche Ansätze gibt es heute bereits?

Checkpoint Inhibitoren

Checkpoint-Inhibitoren sind gentechnisch hergestellte therapeutische Antikörper, die laut dem Heidelberger Mediziner Jürgen Krauß einer der "vielversprechendsten Behandlungsansätze" der Immuntherapie sind.

Die Inhibitoren binden an einen bestimmten Rezeptor auf der Oberfläche von T-Zellen (körpereigene Immunabwehrzellen) und blockieren damit deren "Aus-Schalter". Dieser ist eigentlich ein Schutzmechanismus, um bei Bedarf fehlgeleitete Attacken des Immunsystems auf gesunde Zellen stoppen zu können.
Leider entpuppt sich der Aus-Schalter aber nicht selten als Schwachstelle der Körperabwehr gegen Krebs: Manche Tumorzellen betätigen ihn durch Moleküle in ihrer Membran. Dadurch wird die angreifende T-Zelle handlungsunfähig, zieht sich zurück und begeht mitunter sogar Selbstmord – und der Tumor wächst unbehelligt weiter.
Checkpoint Inhibitoren (Blockade des körpereigenen Aus-Schalters)
Checkpoint-Inhibitoren, die Blockierer der Aus-Schalter, sind heute "bei der Behandlung bestimmter Krebserkrankungen in der Klinik bereits fest etabliert", erklärt Krauß. Insbesondere mit dem schon 2011 zugelassenen Wirkstoff Ipilimumab behandeln Ärzte relativ erfolgreich Melanome, eine besonders aggressive Form von Hautkrebs. "Aus den frühesten Melanomstudien von vor zehn Jahren sind knapp 20 Prozent der Teilnehmer noch am Leben, und das, obwohl sie das Medikament in einigen Fällen nur ein paar Mal bekommen haben." In Fachkreisen spricht man nach diesem Zeitraum von einer Heilung.

CAR (Chimäre Antigen Rezeptoren)

Einer der ersten, der individuell angepassten CAR-T-Zellen bei Leukämiepatienten einsetzte, war Carl June, Immunologe von der Pennsylvania Pereleman School of Medicine.

Im Jahr 2011 berichteten er und seine Kollegen über die erste klinische Anwendung von CAR-T-Zellen: Von drei Patienten mit Leukämie im Endstadium waren zwei nach der Behandlung vollkommen krebsfrei. Seither ist diese Methode zu der wohl größten Erfolgsgeschichte der Immuntherapie avanciert.

Einerseits haben Forschungsgruppen zahlreiche weitere, geradezu wundersame Heilungsverläufe beobachtet, andererseits kamen bereits Menschen durch die veränderten Immunzellen ums Leben. "CAR-T-Zellen sind extrem wirksam, das ist aber gleichzeitig auch das Problem", so Krauß, der in seiner Heidelberger Klinik ebenfalls Studien mit CAR-T-Zellkonstrukten plant. Eine dieser aufgerüsteten Zellen kann offenbar bis zu 100 000 Krebszellen vernichten; June nennt sie deshalb auch "Serienmörder". Zudem vermehren sie sich im Körper weiter– und gefährlich wird es dann, wenn die modifizierten Tötungsmaschinen auch andere Ziele als die Tumorzellen angreifen oder es zu den so genannten Zytokinstürmen kommt, einer lebensgefährlichen Entgleisung des Immunsystems.

Da die CAR-T-Zell-Therapie eine sehr riskante Methode ist, würde sie laut Krauß auch in den nächsten Jahren nur für solche Patienten in Frage kommen, bei denen bereits alle anderen Therapien gescheitert sind.

CRISPR/Cas9

Immuntherapeutische Ansätze bekommen momentan einen neuerlichen Schub durch durch CRISPR/Cas9. Mit dieser als "Genschere" bekannten biochemischen Methode kann man deutlich einfacher DNA verändern als mit konventionellen Verfahren. Daher lassen sich auch die Immunzellen um einiges einfacher und schneller passend gestalten.

Was man zu CRISPR/Cas wissen sollte

CRISPR/Cas9 - dieses merkwürdige Kürzel steht für ein neues Verfahren, um DNA-Bausteine im Erbgut zu verändern, so einfach und präzise, wie es bis vor kurzem unvorstellbar war. In der Welt der Gentechnik ist es wirklich eine Revolution. Obwohl es „natürlicherweise“ aus Bakterien stammt, funktioniert CRISPR in nahezu allen lebenden Zellen und Organismen:
Es verspricht neue Möglichkeiten gegen Aids, Krebs und eine Reihe von Erbkrankheiten – aber auch bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren.
Außerhalb Europas werden bald mit CRISPR „editierte“ Produkte auf den Markt kommen. Doch schon jetzt ist ein heftiger Streit entbrannt. Im Kern geht es darum, ob solche Pflanzen oder Tiere als „gentechnisch verändert“ anzusehen sind oder eher natürlichen Mutationen gleichen.


CRISPR/Cas9 ist eine neue, molekularbiologische Methode, um DNA gezielt zu schneiden und anschließend zu verändern. Auf diese Weise können einzelne Gene – genauer: DNA-Bausteine – umgeschrieben oder „editiert“ werden.

Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Erst vor wenigen Jahren (2012) hatten zwei Molekularbiologinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in menschlichen, aber auch in denen von Tieren und Pflanzen.

Mit Hilfe all dieser verschiedenen Stoffe werden Ärzte wohl künftig die Therapie auf den individuellen Patienten maßschneidern können, glaubt Krauß. Der Arzt ist sich sicher, dass therapeutische Antikörper bei bestimmten Krebstypen wie Lungen- oder Nierenkarzinomen oder eben Melanomen die klassische Chemotherapie in absehbarer Zeit verdrängen werden. Insbesondere dann, wenn man beginne zu verstehen, wie genau die Substanzen die Mikroumgebung des Tumors verändern. Und: "Im Idealfall findet man Prädiktoren, die vorhersagen, ob eine Therapie A, B oder C beim betreffenden Patienten wirkt oder nicht", ergänzt Krauß.

Peronalisierte Vakzine (Impfstoffe)

In diesem Zusammenhang betont Krauß: "Die Zukunft der Krebstherapie werden sehr individualisierte Behandlungen sein." Dazu zählen neben den erwähnten Methoden auch "personalisierte Vakzine", erklärt der Mediziner. Dafür analysiert man sehr genau die mutierten Antigene auf den Krebszellen des jeweiligen Patienten.

Anhand dieser Information generiert man dann Impfstoffe, die das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs scharfmachen, und verabreicht sie in Kombination mit therapeutischen Antikörpern. Krauß ist optimistisch, dass sie sogar bei Tumorarten, bei denen Immuntherapie bislang nicht funktioniert, wirksam sein werden.

Inwiefern sich künftig gewisse Ansätze durchsetzen werden, ist momentan nicht abzusehen – vermutlich wird es eine Vielzahl an verschiedenen immuntherapeutischen Optionen und Kombinationen geben

(Auszüge aus: Spektrum.de, Transgen.de)