Im Oktober 2013 bekam ich mit 43 Jahren die Diagnose Brustkrebs.

Ich war damals 3 Jahren geschieden und lebte mit meinen beiden Kindern (12 und 14 Jahre) endlich glücklich in unserer schönen neuen Wohnung. Die Welt schien in Ordnung. Ich hatte einen tollen Job und nebenbei unterrichtete und tanzte ich mit Leidenschaft Flamenco.

Die Diagnose kam 3 Wochen vor einer kleinen Mini-Tanz-Tournee unseres Flamenco-Clubs, für die wir schon 10 Monate lang trainierten. Ich konnte mit dem Arzt den OP-Termin auf 3 Tage nach den geplanten Aufführungen legen. Das gab mir die Chance den Tanz für mich neu zu erfahren.

"Tanze, als ob es das letzte Mal wäre! Gib alles!" Dieser Satz, der so oft im Training zu hören war, wurde für mich Wirklichkeit. Vom Tag der Diagnose an habe ich Tagebuch geführt und mit Fotos dokumentiert. Ich wollte nichts vergessen. Bald ist die Idee entstanden, daraus ein Buch zu schreiben, welches gerade in Arbeit ist. Der Titel des Buches wir voraussichtlich „Auf der anderen Seite der Glaswand“ lauten. Denn genauso fühle ich mich seit der Sekunde der Gewissheit, dass ich Brustkrebs habe – hinter einer Glaswand. Ich lerne damit umzugehen und er-LEBE alles neu: mich selbst, meinen Körper, meine Kinder, meine Familie, meine Freunde, meine Aufgaben und auch meinen Tanz. Es fühlt sich intensiver an.

Hier ist ein Kapitel-Auszug aus dem Erstentwurf meines Buches:

Tanze, als wäre es das letzte Mal
Meine große Leidenschaft galt dem Tanzen, im speziellen dem Flamencotanz. Es war ein überaus wichtiger Teil in meinem Leben, aus dem sich viele wundervolle Freundschaften und grandiose Momente entwickelt haben. Ich habe Flamenco nicht nur als Schülerin „konsumiert“ sondern habe Anfängerinnen tänzerisch in die „Welt des Flamenco“ geführt. Das Unterrichten hat mir immer unglaublich viel Freude und Erfüllung gegeben. Die Entwicklung der Frauen in den ersten Monaten ist unübersehbar. ……….. Auch die Teilnahme an Aufführungen und Projekten haben mein Leben erfüllt und bereichert und mich immer wieder angetrieben besser zu werden, zu lernen, zu trainieren, mich zu entwickeln, auf mein Äußeres zu achten, meine Gesundheit zu erhalten und entsprechend zu leben. In Kursen und Workshops habe ich oft zu hören bekommen „Los! Weitermachen, nicht schlapp machen. Du kannst noch mehr geben. Tanze, als wäre es das letzte Mal!“
„Tanze, als wäre es das letzte Mal! Tanze, als wäre es das letzte Mal! Tanze, als wäre es das letzte Mal!“ Was für dröhnende Worte, wenn man sich bewusst wird, dass dieser Satz plötzlich stimmen könnte. Die volle Wucht dieser Worte hämmern auf mich ein. Immer wieder. Während dem Tanzen kullern die Tränen. Als würde man sich von einem Geliebten verabschieden. Ein letzter Kuss, eine letzte innige Umarmung, den Duft der Haut tief einatmen – lass mich nie vergessen, wie es mit dir war. Geliebter Tanz.
……….. Nun kam zum Tragen, was ich in all den Jahren im Studio mir angeeignet hatte. „Weitermachen. Aufstehen. Konzentrieren. Los lassen. Ganz im Jetzt sein. Schmerzen gehören dazu. Du kannst es. Denke nicht, tue es einfach. Nochmal, nochmal, nochmal. Vertraue deinem Körper. Kontrolliere deine Gedanken. Kontrolliere deine Gedanken nicht. Zeige dich. Immer wieder aufstehen. Immer wieder die Schuhe anziehen.“
Ja, jetzt kam das alles zum Tragen. Jede einzelne dieser Qualitäten, die ich mir über die Jahre hinweg verinnerlicht habe, kam mir jetzt zugute. Wie dankbar ich dafür bin! Ich war in der Lage – trotz meines Chaos im Kopf – zu tanzen. Und nicht nur einfach zu tanzen, sondern sogar mit großer Freude und Lust zu tanzen. Eine unbezahlbare Erkenntnis über mich selbst. Bei der ersten Probe, den ersten Tanzschritten, nach der Diagnose zitterte ich am ganzen Körper. Ich hatte Angst vor der Angst. Ich habe weiter gemacht. Schritt für Schritt. Und es hat funktioniert. Olé! Der Flamenco hat mich in meinem Leben schon über viele Schwierigkeiten hinweg getragen, oder auch einfach nur abgelenkt. Aber dieses Mal hat er mir viel Kraft, Lebensfreude und Vertrauen zu meinem Körper zurück gegeben.
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Zum Zeitpunkt der Aufführungen wusste ich noch nicht, welche Therapien mit bevorstehen werden, oder, ob ich überleben werde. Das einzige was ich wusste, war, dass ich mehrere Tumore in der rechten Brust hatte. Es konnte nicht brusterhaltend operiert werden, sondern es musste eine Mastektomie gemacht werden. Ich entschied mich für den sofortigen Aufbau mit Silikon bzw. einem Expander. 12 Tage nach meiner OP kam der erlösende Befund, das meine Lymphknoten, bis auf eine Mikrozelle, „sauber“ waren. Das hieß keine Chemo, keine Bestrahlung, „nur“ Hormontherapie.

Ich war extrem erleichtert, denn 7 Jahre zuvor hatte meine Mutter Brustkrebs und sie musste die volle Prozedur mitmachen. Ein Alptraum. Nach 5 Monaten Krankenstand und 3 Wochen Reha bin ich wieder in den „normalen“ Alltag eingestiegen. Ich merkte allerdings sehr schnell, dass es so etwas wie „normalen“ Alltag nicht mehr wirklich gibt.

Nicht die Dinge oder die Menschen haben sich geändert, sondern ich habe mich geändert. Ich habe das Bedürfnis darüber zu reden und zu schreiben. Ich habe das Gefühl, dass es in der Gesellschaft immer noch ein angstbehaftetes und schambehaftetes Tabu-Thema ist. Ich habe einige Frauen kennengelernt, die keinesfalls möchten, dass irgendjemand davon erfährt. Warum nur? Was ist da los in den Köpfen der Menschen? Welche Ängste sitzen da? Ich bin der Meinung Schweigen schürt diese Ängste und darüber reden nimmt Ängste. Darin sehe ich meinen Weg.

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