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Antikörpertherapie: Zielgerichtet gegen Krebs

 

Ende des Sommers sorgten die neuen und hochwirksamen – aber sehr teuren – Krebstherapien für Schlagzeilen.

Bis vor kurzem standen für die medikamentöse Krebsbehandlung nur unspezifisch wirkende Chemotherapien zur Verfügung, die den gesamten Organismus schwer belasten. Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt: Neue, zielgerichtete Therapieformen kommen im Kampf gegen Krebs – vor allem auch gegen Brustkrebs – zum Einsatz. Patientinnen mit HER-2-positiven Erkrankungen können durch die Antikörpertherapie [Wisssen kompakt: Antikörpertherapie] ihre Prognose wesentlich verbessern, betont Univ.-Prof. Dr. Gabriela Kornek von der Wiener Uniklinik für Innere Medizin I. Das Gespräch führte Mag. Chris Lechner.

 

Donna: Frau Prof. Kornek, Ärzte, Ärztinnen und Brustkrebspatientinnen setzen heute große Hoffnungen in neue maßgeschneiderte Therapien. Worauf beruht die Wirkweise dieser Therapien?

 

Kornek: Generell wirken die neuen Therapien gegen spezielle Merkmale an der Oberfläche von Tumorzellen und sind keine Chemotherapeutika im herkömmlichen Sinn. Speziell Brustkrebs-Patientinnen, deren Tumorzellen durch den Marker HER-2 charakterisiert sind, hatten vor der Verfügbarkeit einer zielgerichteten Therapie mit einem spezifischen Antikörper (Trastuzumab, Herceptin®, Anm.) eine schlechte Prognose. Gibt man Patientinnen diese Therapie in Kombination mit Chemotherapie, so lässt sich dieser Nachteil völlig wettmachen. Allerdings muss betont werden, dass der HER-2-Rezeptor nur bei 20-25% der Patientinnen nachweisbar ist - bei anderen Patientinnen hätte der Antikörper daher keine Wirkung.

 

Donna: Können die modernen Therapien die Chemotherapie bereits ersetzen?

 

Kornek: Heute noch nicht - das ist aus der Sicht der Patientinnen sicher ein Nachteil: Die bislang vorliegenden Ergebnisse wurden im Rahmen klinischer Studien erzielt, in denen Herceptin® in Kombination mit Chemotherapie gegeben wurde, vor allem um durch die Therapie ein Wiederauftreten nach erfolgreicher Operation (adjuvante Therapie) zu verhindern. Wir müssen zudem offen zugeben, dass gerade im Hinblick auf die modernen Therapien noch viele Fragen offen sind, etwa was die optimale Dauer der Behandlung angeht. Trotzdem sollte die Therapie keiner Patientin, die dafür in Frage kommt, vorenthalten werden - weder im Frühstadium der Erkrankung noch im fortgeschrittenen, metastasierten Stadium.

 

Donna: Welche Nebenwirkungen sind von dieser Antikörpertherapie zu erwarten?

 

Kornek: Für uns OnkologInnen gelten die neuen zielgerichteten Therapien als große Erfolge - vor allem, weil sie nur geringe Nebenwirkungen haben und problemlos ambulant verabreicht werden können. Bei Patientinnen, die Herceptin® erhalten, kann es in Einzelfällen zu einer Abschwächung der Herzmuskelleistung kommen, sodass während der Behandlung regelmäßig eine Ultraschalluntersuchung des Herzens vorgenommen werden muss.

 

Donna: In jüngster Zeit gab es Diskussionen um die hohen Behandlungskosten der neuen Therapien - sind sie tatsächlich so teuer?

 

Kornek: Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Entwicklung eines solchen Medikamentes sehr aufwändig ist und es in umfangreichen Studien geprüft werden muss. Sämtliche Weiterentwicklungen - auch neue, verbesserte Chemotherapeutika - sind daher teurer als ältere Medikamente. Wenn dafür die Heilungsraten aber deutlich ansteigen, dann sind die Kosten sicher gerechtfertigt. Hinzu kommt, dass in der Gesamtberechnung auch reduzierte Folgekosten berücksichtigt werden müssen. Wenn Patientinnen das Medikament bereits in einem frühen Stadium erhalten und dadurch ihre Heilungschancen steigen, fallen auch keine Kosten für die Behandlung in späteren Krankheitsstadien an.

 

Donna: Haben sie eine spezielle Empfehlung für Brustkrebspatientinnen?

 

Kornek: Auf jeden Fall sollten sie alle Nachsorge-Empfehlungen genau einhalten. Ich möchte betroffene Frauen auch Mut machen: Wir haben hier in Österreich auch im europäischen Vergleich sehr hohe Heilungsraten. Dies liegt unter anderem daran, dass unsere Brustkrebszentren untereinander gut vernetzt sind und prinzipiell jede Frau die Möglichkeit hat, an einer klinischen Studie teilzunehmen und damit die neuesten Therapien zu erhalten.

 

Was ist eine Antikörpertherapie?

 

Bisher standen für die medikamentöse Krebsbehandlung nur unspezifisch angreifende Zytostatika zur Verfügung. Diese Substanzen, die bei der Chemotherapie eingesetzt werden, verhindern die Zellteilung – allerdings nicht bei bösartigen Tumorzellen, sondern bei allen Zellen, die sich häufig teilen. Dies führt zu den bekannten Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Haarausfall.

 

Neuere, zielgerichtete Therapien - wie etwa die Antikörpertherapien - greifen gezielt den Tumor an. Dabei wird ein definierter Wachstumsfaktor in seiner Wirkung an der Tumorzelle gehemmt. Vereinfacht dargestellt kann eine solche gezielte Wachstumshemmung des Tumors über drei unterschiedliche Mechanismen erfolgen:

  • Es kann das Andocken des Wachstumsfaktors am Rezeptor auf der Zelloberfläche verhindert werden.
  • Es kann die Weiterleitung des Wachstumsimpulses im Inneren der Zelle unterbunden werden.
  • Im Blut zirkulierende Wachstumsfaktoren können eliminiert werden.

Grundvoraussetzung für eine gezielte Tumortherapie ist naturgemäß die Identifikation entsprechender Wachstumsfaktoren, aber auch die Erforschung des sehr komplexen Wechselspiels zwischen den verschiedenen Wachstumsfaktoren untereinander. Bei einer Reihe von Krebserkrankungen gibt es sehr konkrete Kenntnisse über die biologischen Mechanismen, die das Tumorwachstum begünstigen. Darauf basierend wurden in den letzten Jahren neue Therapiemöglichkeiten - vor allem für Brustkrebs - entwickelt.

 

Zur Person:

Die Onkologin Dr. Gabriela Kornek arbeitet an der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Onkologie am Wiener AKH. Univ.-Prof. Kornek ist u. a. Mitglied der American Association for Cancer Research, der American Society of Clinical Oncology, der European Society of Medical Oncology, der Österreichischen Gesellschaft für Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, Leben-mit-Krebs und der Österreichischen Gesellschaft für Palliativmedizin. Univ.-Prof. Kornek ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.

 

Die Autorin:

Mag. Chris Lechner ist freiberufliche Sportpsychologin und Journalistin. Sie arbeitet u. a. anderem für „Die Presse“ sowie für „Medizin Medien Austria“. Lehrbeauftragte am Universitätslehrgang für Krankenhausmanagement (Pressearbeit im Gesundheitswesen), hält regelmäßig Fortbildungsseminare im Bereich Medizinjournalismus. Vorstandsmitglied der Initiative Qualität im Journalismus (IQ). Mag. Lechner ist Mutter einer 9-jährigen Tochter.

 
   
 

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