Aktuelles Wir über uns Hilfe zur Selbsthilfe Informationen rund um das Thema Brustkrebs Service Presseinformationen
 

Wenn ÄrztInnen selbst zu PatientInnen werden

 

„Vor meiner eigenen Diagnose war die Bekämpfung der Krebszellen wichtiger...“

Was in einem Arzt oder einer Ärztin vorgeht, wenn sie selbst die Diagnose „Krebs“ erfahren, schilderten Krebs-SpezialistInnen bei der diesjährigen Jahrestagung der American Society of Oncology (ASCO) in Chicago.

 

von Mag.a Chris Lechner, Sportpsychologin, freie Medizinjournalistin

 

ASCO gilt als die größte onkologische Fachkonferenz weltweit: Bis zu 30.000 Krebs-SpezialistInnen aus aller Welt informieren sich dort alljährlich über die neuesten Entwicklungen bei onkologischen Behandlungen. Eine Spezialsitzung der Konferenz war heuer allerdings dem Thema „The Doctor as a Patient“ („Der Arzt als Patient“) gewidmet: „Es ist viel leichter, PatientInnen einen Rat zu geben, als selbst von seinen KollegInnen einen Rat anzunehmen“, meint etwa die amerikanische Radiologin Dr.in Laura Liberman vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York. Ihr Statement war gemeinsam mit Stellungnahmen anderer an Krebs erkrankter Ärztinnen und Ärzte in einem Film verarbeitet worden, der bei der ASCO-Konferenz vorgestellt wurde. Liberman habe in dieser Situation besonders gespürt, wie wichtig es sei, emotionale Unterstützung zu erfahren und auch anzunehmen, berichtet sie weiter.

 

Krankheit als Lernprozess

Besonders schwer gefallen ist Liberman angesichts ihrer eigenen Brustkrebs-Diagnose der Rollenwechsel: „Als ich ein Formular ausfüllen musste, habe ich automatisch in dem für den Arzt vorgesehen Feld unterzeichnet.“ Die Verantwortung über die Behandlung abzugeben und im Rollstuhl in den OP geschoben zu werden, waren für Liberman weitere Erfahrungen, die ihr bewusst machten, dass sie plötzlich „auf der anderen Seite stand“. Doch wenn Liberman heute selbst wieder mit PatientInnen arbeitet, dann hat sie einen anderen Blick bekommen: „Vor meiner eigenen Diagnose war die Bekämpfung der Krebszellen wichtiger, heute weiß ich, dass es noch wichtiger ist, das Leid zu mildern. Es geht darum, den PatientInnen wirklich zuzuhören und ihre Würde zu wahren“, meint Liberman.

 

Dr.in Sandra Horning, Onkologin und Brustkrebs-Betroffene (Foto: ASCO/Todd Buchanan 2007)

Eine in den USA besonders prominente Onkologin ist Dr.in Sandra Horning von der Stanford University in Kalifornien. Ihre wissenschaftliche und medizinische Karriere – unter anderem war Horning im Vorjahr sogar Präsidentin von ASCO – wurde im Dezember 1995 durch die Diagnose Brustkrebs unterbrochen: „Ich habe die Warnsignale wie Schmerzen in der Brust lange ignoriert, bis ein Kollege 30 Minuten vor einem wissenschaftlichen Vortrag eine Nadelbiopsie durchführte“, berichtete Horning bei ihrem Referat im Rahmen der ASCO-Konferenz. Sechs Zyklen Chemotherapie absolvierte die anerkannte Onkologin nach der Diagnose.

 

Krebs verändert

„Vor der Diagnose ist man ein anderer Mensch“, meint Horning. Vor der Diagnose sei sie Ärztin und Wissenschafterin gewesen; ein gesunder Mensch, Ehefrau und Mutter. Nach der Diagnose fühlte sie sich irgendwie verändert, auch ihre Rolle in der Familie sei eine andere geworden. „Ich war plötzlich krank, invalide und verletzlich – ich habe mir sogar gesagt, ich hätte das nicht verdient“, gab Horning vor ihren Kollegen ganz offen zu.

Heute wisse sie daher, dass Krebs-PatientInnen solche Veränderungen durchmachen. „Wenn wir unsere PatientInnen zum ersten Mal sehen, dann haben sie eine solche Veränderung bereits hinter sich“, meint Horning. Herauszufinden, wie das Leben ihrer PatientInnen vor der Diagnose war, „wer sie waren und wie sie wieder sein wollen“, sieht sie heute als wesentlichen Teil der PatientInnenbetreuung in der Onkologie an.

 

VIP-Behandlung?

Für Dr. David Johnson, ebenfalls einer der renommiertesten Krebs-Spezialisten in den USA, hieß die Diagnose im Alter von 41 Jahren „Non Hodgkin-Lymphom“. Johnson: „Die größte Überraschung für mich waren die ganz unterschiedlichen Behandlungsweisen im medizinischen System: Einmal sah man mich als wertvolle Porzellanpupe an, ein anderes Mal fühlte ich mich als bloßer medizinischer Befund.“

 

Dass neben der emotionalen Unterstützung durch die KollegInnen auch Sandra Horning sprach davon, dass ihr eine solche sehr geholfen habe – ganz praktische Dinge eine wertvolle Unterstützung im Alltag bieten, schildert Johnson über seinen Wiedereinstieg in die ärztliche Tätigkeit: „Ein Kollege bestand sogar darauf, mich selbst täglich zur Arbeit und wieder nach Hause zu chauffieren, damit ich mir in der ersten Zeit nicht zu viel zumute.“

Insgesamt hat die Sitzung auf der ASCO-Jahrestagung deutlich gemacht, dass ÄrztInnen, die selbst von Krebs betroffen waren, mehr Verständnis und mehr Emphatie für ihre PatientInnen aufbringen.

 
   
 

l Aktuelles l Wir über uns l Hilfe zur Selbsthilfe l Information l Service l Presse l