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Kiefer-Nekrose: Vorsorge hilft
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| Die Zähne sollten vor der Bisphosphonat-Therapie saniert werden. |
Bei verschiedenen Krebserkrankungen kann es zu Knochenmetastasen kommen, so auch bei Brustkrebs. Zum Schutz der Knochensubstanz hat sich die Medikamentengruppe der Bisphosphonate sehr gut bewährt. Allerdings besteht dabei ein gewisses Risiko, dass im Kieferknochen eine Osteo-Nekrose entsteht: Der Knochen stirbt an einzelnen Stellen ab. Dieses Risiko lässt sich durch entsprechende vorbeugende Maßnahmen und Information aller behandelnder ÄrztInnen bei laufender Therapie jedoch reduzieren.
DONNA im Gespräch mit Ass.-Prof.in OA Dr.in Gabriele Millesi von der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Wien.
DONNA: Wie kommt es zu einer Kieferknochen-Nekrose und warum ist praktisch ausschließlich der Kieferknochen betroffen?
Millesi: Bisher ist noch nicht vollständig geklärt, warum Bisphosphonate diese Nebenwirkung hervorrufen können. Der erwünschte Effekt – die Hemmung des Knochenabbaus bei Knochenmetastasen zum Beispiel – hat jedenfalls auch einen gewissen Einfluss auf die Knochenneubildung, da der Knochenstoffwechsel ein Kreislauf von Auf- und Abbau ist. Kommt ein Glied in der Kette zum Erliegen, bricht das System zusammen und wir haben es mit totem Knochen zu tun. Die Durchblutung wird schwächer und das betrifft auch die umgebenden Schleimhäute.
Ähnlich wie bei der Hüfte ist in den Kiefern der Umbau besonders stark auf Grund der großen Kräfte, in diesem Fall sind es die Kaukräfte, die auf den Knochen einwirken. Trotzdem findet man die Knochen-Nekrosen fast ausschließlich im Kiefer, weil es dort noch als weiteren Risikofaktor die Zähne gibt! Toter Knochen ist besonders infektanfällig und deshalb ist ein parodontal abgebauter oder beherdeter Zahn oder auch ein chirurgischer Eingriff, zum Beispiel eine Zahnentfernung oder ein Implantat, sehr oft der Auslöser einer offenen Kiefer-Nekrose. Auch Druckstellen von Prothesen können ursächlich sein.
DONNA: Wie muss man sich eine Kieferknochen-Nekrose vorstellen?
Millesi: Es bilden sich sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer Stellen, wo der Knochen offen liegt und nicht mehr mit Schleimhaut bedeckt ist. Wenn es zu Infektionen kommt – und das geschieht leicht – ist dies sehr schmerzhaft. Dann sind neben einer Schmerztherapie und Mundspülungen auch Langzeit-Antibiotika notwendig und nach Abklingen der Entzündung eine chirurgische Versorgung. Zur Unterstützung der Wundheilung können Laserverfahren eingesetzt werden und unter Umständen spezielle Sauerstoffbehandlungen. Im Extremfall kann es notwendig sein, Teile des Kiefers zu entfernen, aber prinzipiell ist man chirurgisch sehr zurückhaltend.
Es ist daher wichtig, Veränderungen im Kieferknochen, die auf eine Osteo-Nekrose hindeuten, schon frühzeitig zu identifizieren. Das ist mit Hilfe eines Orthopantomogramms (Übersichtsröntgen, Anm.) und bei Verdacht auf eine Knochen-Nekrose einer dentalen Computertomografie möglich, die übrigens auch von der Krankenkasse bezahlt wird.
DONNA: Was kann frau zur Vorbeugung tun? Wie lässt sich eine Kiefer-Nekrose vermeiden?
Millesi: Zuerst und vor allem muss die Mundhygiene perfekt sein. Die Zähne sollten vor der Bisphosphonat-Therapie saniert werden, Prothesen dürfen auf keinen Fall drücken. Chirurgische Zahnbehandlungen wie Extraktionen oder Wurzelspitzenresektionen sollten während der Therapie vermieden werden und wenn unbedingt erforderlich, nur unter Antibiotika-Gabe, begleitet von Spülungen und eventuell Sauerstoff- oder Laser-Behandlung, durchgeführt werden. Auf jeden Fall muss der Zahnarzt bzw. die Zahnärztin über die Bisphosphonat-Therapie informiert werden! Eine Pause bei den intravenösen Bisphosphonaten wird derzeit gegensätzlich diskutiert. Die Entscheidung dafür oder dagegen sollte unbedingt gemeinsam mit dem Onkologen bzw. der Onkologin getroffen werden. Oral eingenommene (Anm.: geschluckte) Bisphosphonate hingegen sollten immer abgesetzt werden – vor dem zahnärztlichen Eingriff bis zur kompletten Wundheilung.
DONNA: Gibt es weitere Faktoren, die eine Rolle spielen?
Millesi: Alle stickstoffhältigen, intravenös verabreichten Bisphosphonate der neuen Generation können Knochen-Nekrosen verursachen, allerdings variiert der Zeitpunkt des Auftretens individuell sehr stark. Um einen genaueren Zusammenhang zwischen Dosis und Einnahmedauer zu finden, laufen derzeit weltweit prospektive Multicenter-Studien. Außerdem spielen bei der Entstehung von Kiefer-Nekrosen noch zahlreiche andere Faktoren mit, die sich von Patientin zu Patientin stark unterscheiden wie zum Beispiel Art und Dauer der Chemotherapie oder Corticosteroid-Behandlungen. Von mit entscheidender Bedeutung ist aber auch der Allgemeinzustand: Je besser er ist, desto geringer ist das Risiko. Generell liegt die Wahrscheinlichkeit einer Kiefer-Nekrose nach drei Jahren intravenöser Bisphosphonate im Rahmen einer Krebstherapie bei etwa sieben Prozent.
DONNA: Ist die Häufigkeit bei allen Krebserkrankungen gleich?
Millesi: Die meisten Fälle beobachten wir beim Myelom, wo die Bisphosphonat-Therapie am frühesten begonnen wird und die Dosierung am höchsten ist. Brustkrebspatientinnen stehen an zweiter Stelle.
Tipp: Wer Bisphosphonate während der Krebstherapie einnimmt, muss besonders auf seine Mundhygiene achten. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sind unbedingt angeraten, wobei der Arzt/die Ärztin über das Bestehen einer Bisphosphonat-Therapie informiert werden muss.
Die Autorin
Dr. Karin Gruber, promovierte Biologin, wechselte nach einem längeren Japan-Aufenthalt in den Journalismus. Sie arbeitet heute als Gesundheits- und Wissenschaftsjournalistin für Fach- und Publikumsmagazine, ist Co-Autorin medizinischer Ratgeber und in der Öffentlichkeitsarbeit für mehrere wissenschaftliche Institutionen tätig.
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