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Musik überwindet Sprachlosigkeit
Libidoverlust ist ein Thema, das viele Brustkrebspatientinnen trifft. Sexuelle Störungen und daraus resultierend partnerschaftliche Probleme sind nach Krebs generell und vor allem nach Brustkrebs extrem häufig (siehe auch „Let`s talk about Sex!“). Nicht wenige Partnerschaften zerbrechen sogar daran.
Anfang Oktober wurde auf dem internationalen Symposium „Music & Science“ in Baden bei Wien ein auf der Universität Heidelberg entwickeltes Therapiekonzept vorgestellt: Musik soll dabei helfen, Gefühle neu zu entdecken, Sprachlosigkeit zu überwinden und Partner einander wieder näher zu bringen.
„Wir haben ein gemeinsames, neues Erlebnis!“, „Wir können über eine ungewöhnliche Erfahrung sprechen!“, „Mein Mann hat mir die Wahl des Instrumentes überlassen, und es war nicht die große Trommel, die er gewählt hatte!“ Das sind nur einige erleichterte Aussprüche von Brustkrebspatientinnen nach der Partner-Musiktherapie.
Die Idee, partnerschaftliche Probleme, die nach einer Brustkrebsoperation leider oft auftreten, mittels Musik zu „behandeln“, stammt von Univ.-Prof. Dr. Rolf Verres, Leiter der Abteilung für medizinische Psychologie der Psychosomatischen Klinik in Heidelberg. Er ist Psychologe, Arzt und ein ausgezeichneter Pianist. In enger Zusammenarbeit mit der Frauenklinik in Heidelberg hat er als Ordinarius der medizinischen Psychologie an der Universität Heidelberg ein Partnerschaftsmodell speziell für Frauen nach einer Brustkrebsoperation erstellt. Musik dient dabei als Medium.
Musik gegen Sprachlosigkeit
Die betroffenen Frauen kommen mit Ihren Partnern zum gemeinsamen Musizieren. Eine reiche Auswahl von Instrumenten steht zur Verfügung, auch eher ungewöhnliche Instrumente aus der Ethnomusik. Musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. „Die Partner probieren, experimentieren, lernen Neues kennen, trauen sich. Das alles geht spielerisch vor sich. Gefühle des Partners kommen an die Oberfläche, es entstehen Kontakte, die man bisher vielleicht noch gar nicht gekannt hat“, beschreibt Verres die Idee dahinter.
Auch widersprüchliche Meinungen helfen weiter, sie sind jedenfalls besser als Sprachlosigkeit. Ein deutliches Zeichen des Erfolges ist es jedoch, wenn eine Art Übereinstimmung zwischen den Partnern erreicht wird, ein gleicher Rhythmus, ja manchmal sogar eine gemeinsame einfache Melodie entwickelt wird. „So können Unstimmigkeiten wieder eingestimmt werden. Das Selbstwertgefühl, das gerade für diese Patientinnen besonders wichtig ist, wird gestärkt: Ich kann ja etwas, ich habe vielleicht sogar Talent!“
Musik weckt Gefühle
Das gemeinsame Musizieren findet unter Leitung einer Musiktherapeutin statt. Acht Abende zu je eineinhalb Stunden sind vorgesehen. Interviews und Videoanalysen sollen die Partner zu weiteren Interaktionen anregen, sie Gemeinsamkeiten finden lassen und vor allem die Dialogbereitschaft für den Alltag stärken. Durch diese Therapieform kann nicht nur die Sprachlosigkeit der Partner überwunden werden. Die äußerst positive „Nebenwirkung“ dieser Therapie: Nicht wenige der Teilnehmerinnen haben danach Lust bekommen, ein Instrument zu erlernen oder vergessene musikalische Fähigkeiten wieder auszuüben und so eine kreative Betätigung zu finden.
Musik, die mir gut tut
Doch dieses ist nicht das einzige musiktherapeutische Projekt, an dem Rolf Verres gearbeitet hat, und das sich auch speziell für Frauen eignet, die noch unter den Folgen der Operation leiden oder sich soeben einer Chemotherapie unterziehen. Er macht sich dabei die Erkenntnisse der neuen Musikwirkungsforschung zu Nutze.
Erst vor kurzem fand dazu das internationale Symposium „Music and Science“ in Baden bei Wien statt, an dem ÄrztInnen, PsychologInnen, NaturwissenschafterInnen und KünstlerInnen teilnahmen. Auf dem Symposium wurden Untersuchungen präsentiert, die gezeigt haben, dass sich Stresssituationen beim Hören von geeigneter Musik abbauen lassen, Körperreaktionen nach Schockerlebnissen schneller normalisieren, Schlafstörungen, ja sogar Herz-Kreislaufbeschwerden gelindert werden können.
An der Paracelsus Privatuniversität in Salzburg wurde ein Programm entwickelt, das auf die chronobiologischen Rhythmen der Zuhörerinnen eingeht. „Für therapeutische Zwecke setzen wir Musik ein, die nicht bekannt ist und daher keine Assoziationen mit belastenden Erlebnissen weckt. Besonders bei Herz-Kreislaufirritationen haben sich die PatientInnen dabei entspannter gefühlt“, erklärt Vera Brandes, Leiterin des Forschungsprogrammes MusikMedizin an der PMU (Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg).
Trauer bewältigen
Rolf Verres hat auch speziell für Frauen, die unter dem Trauma einer Brustoperation leiden, zehn Musikstücke selbst komponiert und auf CD aufgenommen. Auf der Universitätsklinik in Heidelberg hören Frauen gemeinsam mit der Psychologin Heike Stammer diese Musik, die den sinnbetonten Titel „Lichtungen – eine Einladung zur Stille“, trägt. Das Musikerlebnis reicht von der Trauer, die zu bewältigen ist, bis zu hellen, fröhlichen Klängen. Die Teilnehmerinnen sollen Zuhören lernen und bewusst entscheiden, was ihnen gut tut, beschreibt Verres das Therapieziel. Die CD wird den Patientinnen auf Wunsch mitgegeben; viele hören sie zur Entspannung während der Chemotherapie. Die Frauen sollen damit auch angeregt werden, zu Hause ein Musikprogramm auszuwählen, das ihnen dabei hilft, Angst und Spannungen abzubauen, wieder Mut für die Zukunft zu fassen. Denn, wie eine Patientin meint: “Musik ist oft die beste Medizin!“
Weiterführende Literatur:
Der Arzt, die Wissenschaft und die Musen, Rolf Verres, Herder Verlag.
Die CD „Lichtungen, eine Einladung zur Stille“ kann bestellt werden über www.rolf-verres.de oder www.soundlife.de
Die Autorin: Dr. Gerta Niebauer, promoviert in den Fächern Germanistik, Anglistik und Publizistik in Wien. nach ihrer Tätigkeit bei den Vereinten Nationen in Wien und New York als Press Officer arbeitet sie nun mehr als freie Wissenschafts- und Gesundheitsjournalistin bei "die Presse", Ärztezeitung, Medizin Populär und Jatros - Dermatologie.
Für ihre Tätigkeiten wurde sie unter anderem mit dem Dr. Kardinal Innitzer Preis ausgezeichnet.
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