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Seele & Krebs: Psychoonkologie

Antwort auf die Frage nach dem „Wozu?“

 

Angesichts einer Krebserkrankung stellen sich viele Patientinnen die Frage nach dem „Sinn“. Speziell geschulte Psychologen und Psychotherapeuten helfen, den individuellen Weg zur Bewältigung der seelischen Krankheitsfolgen zu finden.

 

Die Diagnose „Krebs“ bedeutet immense Ängste, eine existentielle Bedrohung und sie erfordert von Betroffenen und ihren Angehörigen enorme Anpassungsleistungen. „Niemand muss sich schämen, angesichts einer Krebserkrankung psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen“, meint Dr. Günther Linemayr, onkologisch tätiger Arzt, Psychotherapeut und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO). „Prinzipiell sollte eine psychoonkologische Beratung allen Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung angeboten werden, zumindest drei Viertel benötigen sie tatsächlich.“

 

„Die Einstellung zur Krankheit kann den Verlauf entscheidend mitbestimmen“

Dass sich das Wiederfinden des seelischen Gleichgewichts günstig auf den Krankheitsverlauf auswirkt, sei heute durch eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen bewiesen. „Es ist nicht nur der Tumor selbst, der den Krankheitsverlauf bestimmt, sondern auch die PatientInnen können durch ihr Verhalten und ihre Einstellung entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung nehmen“, betont Linemayr. Zu den wichtigsten Strategien der Krankeitsbewältigung – Psychologen nennen es „Coping“ – gehört zunächst ein positives Akzeptieren der Erkrankung. „Gerade da ist ärztliche und psychotherapeutische Begleitung gefordert.“ Als zweiten Faktor nennt Linemayr den Aspekt der Kontrollüberzeugung, also die innere Überzeugung, den Krankheitsverlauf tatsächlich durch eigenes Zutun beeinflussen zu können. „Als dritter wichtiger Faktor stellt sich immer wieder die soziale Unterstützung heraus: Gut funktionierende und intakte Beziehungen helfen, mit der Krankheit besser fertig zu werden.“ Auch in diesem Bereich liegt es an ÄrztInnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, entsprechende Aufklärungsarbeit und Hilfe bei der Sicherung eines gut funktionierenden sozialen Netzes zu leisten.

 

Die Angst nehmen

Angesichts einer Erkrankung wie Krebs suchen viele Menschen nach Erklärungen für die Ursache – im Vordergrund steht oft die Frage: „Warum hat es gerade mich erwischt?“ Dabei entstehen mitunter rasch Schuldgefühle, wie die Klinische Psychologin und Vizeobfrau der ÖPPO (Österreichische Plattform für Psychoonkologie), Elisabeth Andritsch, erklärt. Im Zentrum der psychoonkologischen Beratungsgespräche steht dann die Auseinandersetzung mit den subjektiven Krankheitstheorien und vermuteten Ursachen der Erkrankung. „Wir PsychoonkologInnen bieten Informationen und helfen, Ängste zu reduzieren.“

 

„Warum gerade ich?“

Eine der am schwierigsten zu beantwortenden Fragen ist sicher jene nach dem „Sinn“ der Erkrankung. „Es ist nicht immer möglich, dass unsere Patientinnen und Patienten trotz ihrer Erkrankung oder gar durch die Erkrankung einen Sinn in ihrem Leben sehen können“, gesteht Andritsch ein. Allerdings: „Wenn wir den PatientInnen als das begegnen, was sie sind – nämlich einmalige und einzigartige Personen - und sie nicht nur als „Krebskranke“ behandeln, dann zeigen wir ihnen damit, dass sie mit Verantwortung tragen können, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. Dadurch erleben Sie die Freiheit, selbst mitgestalten zu können.“

 

Krankheit und Sinn

Ganz im Sinne des Begründers der Logotherapie und Existenzanalyse Vikor Frankl, der meinte, dass das Leben immer und unter allen Umständen einen tieferen Sinn hat, wird mitunter erst angesichts einer schweren Krankheit das Bewusstsein um diese Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Menschen geweckt. „Es ist die Erfahrung der Nähe einer Grenze und die daraus resultierende Möglichkeit eines aktiven Dialoges, wo Menschen beginnen, ihre Möglichkeiten wahrzunehmen und sich für Wichtiges und Wertvolles in ihrem Leben zu entscheiden“, schildert Andritsch.

 

Die Spezialistin für Psychoonkologie führt damit vor Augen, wie die Seelenhilfe das Lebensgefühl verbessern, den Selbstwert erhöhen und vor allem den Lebenswillen stärken kann. Andritsch warnt jedoch auch vor falschen Hoffnungen: „Psychotherapeutische und psychologische Methoden alleine können keinesfalls Tumore heilen. Es kann damit aber eventuell ein Beitrag zur Mobilisierung der Selbstheilungskräfte geleistet werden.“

 

Körper und Sexualität

Neben der Stärkung des „Ich“ der an Krebs erkrankten Patientin werden in die psychoonkologische Beratung und Betreuung auch Partner und Kinder miteinbezogen. „Gerade zwischen Partnern kommt es in Folge der seelischen und körperlichen Veränderungen auch zu Veränderungen und Spannungen im Umgang miteinander“, erklärt Andritsch. Auch das Thema Sexualität darf kein Tabu darstellen und sollte mit Patientinnen in einer offenen und vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre angesprochen werden. „Eine respektvolle Mit-Behandlung der körperlichen Veränderungen und ihrer Auswirkungen ist wesentlicher Teil der psychoonkologischen Arbeit.“

 

Angebot der Österreichischen Krebshilfe

Ein Team von rund 40 ExpertInnen der Österreichischen Krebshilfe bietet in allen Bundesländern kostenlose psychoonkologische Beratung an. „Wenn es nötig ist, dann organisieren wir auch eine längerfristige psychologische oder psychotherapeutische Begleitung. Bei Bedarf stellen wir auch den Kontakt zu niedergelassenen TherapeutInnen her“, meint Mag. Katharina Asbäck-Eder, Klinische Psychologin bei der Krebshilfe Steiermark. Die SpezialistInnen der Krebshilfe kooperieren außerdem mit Selbsthilfeorganisationen wie der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“.

 

Asbäck-Eder erinnert zudem daran, dass es mittlerweile laut Krankenanstaltengesetz an allen Landeskrankenhäusern eine psychologisch-psychotherapeutische Beratung angeboten werden muss und: PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen mit einer Zusatzausbildung in Psychoonkologie helfen daher meist auf Konsiliarbasis auch an onkologischen Abteilungen. „PatientInnen, die den Wunsch nach einer solchen Beratung haben, sollten sich jedenfalls danach erkundigen“, empfiehlt Asbäck-Eder. Die Wiener Krebshilfe hat außerdem mit Unterstützung von Europa Donna Österreich die Broschüre „Mama/Papa hat Krebs“ herausgegeben, die unter anderem Fragen wie jene nach der Mitteilung der Diagnose an noch minderjährige Kinder beantwortet.

 

Österreichische Krebshilfe: Tel. 01/796 64 50, www.krebshilfe.net

 

 

Links zum Thema Psychoonkologie

 

Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP): www.boep.or.at; Helpline: 01/407 91 92

 

Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie: www.psychotherapie.at

 

Österreichische Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO): www.oegpo.at

 

Österreichische Plattform für Psychoonkologie (ÖPPO): www.oeppo.com

 

 

Die Autorin:

Mag. Chris Lechner ist freiberufliche Sportpsychologin und Journalistin. Sie arbeitet u. a. anderem für „Die Presse“ sowie für „Medizin Medien Austria“. Lehrbeauftragte am Universitätslehrgang für Krankenhausmanagement (Pressearbeit im Gesundheitswesen), hält regelmäßig Fortbildungsseminare im Bereich Medizinjournalismus. Vorstandsmitglied der Initiative Qualität im Journalismus (IQ). Mag. Lechner ist Mutter einer 8-jährigen Tochter.

 
   
 

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