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Shiatsu-Therapie – Vertrauen durch Berührung

 

von Gabriele Hufnagl-Kuhn, Journalistin, Kurier

 

Körperarbeit: berührt auch die Seele; Dr. Eduard Tripp gibt Shiatsu

„Die Oberfläche zu berühren, bedeutet die Tiefe aufzurühren.“

Aus „Job’s Body – ein Handbuch für Körperarbeit“

 

Berührung kann vieles vermitteln – das Gefühl, Zuwendung zu erfahren. Das Gefühl, geborgen und aufgehoben zu sein. Das Gefühl, gehalten zu werden. Vor allem aber hat sie das Potenzial, Lebendigkeit zu signalisieren. Sie ist eine grundlegende Qualität, ohne die der Mensch nicht überleben kann. Wenn eine Mutter ihr Baby in Zärtlichkeit hüllt, dann sagt sie damit: lebe! „An jeder Berührung ist etwas, das unseren Lebenswillen stärkt. Heilen heißt, den Lebenswillen eines anderen Menschen zu wecken“, schreibt Bestseller-Autor und Psychiater David Servan-Schreiber („Medizin der Emotionen“) in seinem neuen „Anti-Krebs-Buch“.

 

Berührung ist eine alte Form des Heilens – deshalb nimmt sie im Umgang und bei der Behandlung von KrebspatientInnen eine sehr bedeutende Rolle ein. Vielfach geht es dabei nicht nur um Entspannung im klassischen Sinn, sondern um die Chance, sich in seinem Körper wieder zu Hause zu fühlen. Eine Art der Versöhnung, die – wie z.B. eine Studie an der medizinischen Fakultät der University of Miami unter der Wissenschaftlerin Tiffany Field zeigen konnte – zur verminderten Produktion von Stresshormonen und einer erhöhten Zahl natürlicher Killerzellen führt. Vorausgesetzt, Brustkrebspatientinnen kommen drei Mal wöchentlich für je 30 Minuten in den Genuss einer Massage.

 

Shiatsu und Krebs: ein Widerspruch?

Was kann Shiatsu für Frauen mit Brustkrebs bewirken? An dieser Stelle eine kurze Begriffsdefinition – denn was ist Shiatsu überhaupt? Dr. Eduard Tripp – er ist Psychotherapeut und Shiatsu-Lehrer bei Shiatsu-Ausbildungen Austria – dazu: „Will man es kurz und einfach erklären, so lässt sich Shiatsu wohl am besten als eine einfühlsame, achtsame und sehr wirkungsvolle Arbeit am Körper beschreiben, die unsere natürlichen Selbstheilungskräfte aktiviert und Blockaden im Fluss unserer körpereigenen Energien löst.“ Dabei gehen Shiatsu-Praktiker davon aus, dass in den Energiebahnen des Menschen Qi – simpel, aber anschaulich mit „Lebensenergie“ übersetzt – fließt. Tripp: „Kann diese ungehindert fließen, wird weder übermäßig verbraucht noch blockiert, dann kann sich auch das Leben in uns harmonisch entfalten und wir erfreuen uns körperlicher Gesundheit und emotionaler Ausgeglichenheit. Ist der Energiefluss in uns, in unseren Meridianen, jedoch blockiert, führt dies zu Störungen in unserer Befindlichkeit und unserer Gesundheit.“ Freilich: Shiatsu kann die Erkrankung nicht heilen, aber es ist eine hervorragende Begleitung für Betroffene mit oder nach Krebs.

 

Lange Zeit aber galten Shiatsu und Krebs als Widerspruch. Heute weiß man, so Experte Tripp, dass es sich bei Krebs um eine systemische Erkrankung handelt und dass die achtsame Anwendung der Methode (vorausgesetzt, es werden gewisse Richtlinien beachtet) Menschen in dieser schwierigen Lebenssituation Unterstützung geben kann. Denn natürlich ist die Diagnose Brustkrebs stets mit einer enormen seelischen Belastung und mit Gefühlen wie Angst, Sorge und Ohnmacht verknüpft. Oftmals geht das Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Körpers verloren – im schlimmsten Fall wird er als Feind betrachtet. In solch dramatischen Lebenssituationen kann es sich wohltuend anfühlen, gehalten zu werden, aufgefangen und angenommen. So wie es ist, ist es gut. Speziell in krisenhaften Zeiten beruhigt Berührung – und sie vermittelt Geborgenheit. Oftmals eine heilsame Alternative zu möglicherweise negativen Krankenhaus-Erfahrungen und Therapien, in deren Rahmen die Krankheit im Mittelpunkt steht und weniger der Mensch.

 

Wieder zur Ruhe finden

In einer Shiatsu-Sitzung können Brustkrebspatientinnen vor allem wieder Vertrauen, Harmonisierung und Entspannung erfahren. Der Atem wird rhythmisch, die Gedanken lassen los – eine Insel des Friedens im vermeintlichen Chaos. Tripp: „Loslassen und Sich-Anvertrauen kann durch Shiatsu gefördert werden, um wieder zur Ruhe zu finden und Vertrauen zu sich und zur Welt. Gerade diese positive Einstellung zum Leben und zur Bewältigbarkeit der Herausforderungen, die die Erkrankung mit sich bringt, ist ein höchst wirksamer Aspekt von Heilung und Gesundheit. Und eine bedeutende Ressource zur Bewältigung des Lebens und damit auch der Erkrankung.“

 

Shiatsu-Praktiker berühren ihre Klienten ganzheitlich. Körper, Geist, Seele und die Gesamheit aller Erfahrungen werden einbezogen. Eine Form von einfühlsamer Begleitung, des Da-Seins, die sich natürlich positiv auf das gesamte System auswirkt. Experte Tripp erläutert: „Shiatsu-Praktiker werden ausgebildet, achtsam und einfühlsam den „ganzen Menschen“ zu berühren, seinem Körper die Aufmerksamkeit zu geben, die ihn fördert, aber nicht überfordert.“ Deshalb vermag Shiatsu den Organismus zu stärken und zu harmonisieren.

 

Es lindert dadurch Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Erschöpfung, Übelkeit, Probleme mit dem Schlaf. Ein nahezu magisches Instrument, typisch für die Methode, ist Rhythmus. Er ist ein wichtiger Aspekt des Lebens – die ihm zugrunde liegende Symphonie, gespielt vom Orchester Organismus. Stress, negative Erfahrung und schwere Erkrankungen führen zu Dissonanzen. Chronomediziner wissen, welche schwerwiegende Bedeutung solche Dissonanzen, also Rhythmusstörungen, haben. Tripp: „Rhythmus von außen – Shiatsu arbeitet z.B. mit dem Atem – fördert und unterstützt das Zusammenspiel der Organsysteme.“ Nicht nur: er vermittelt Halt und Sicherheit und die Selbstorganisation, das „Tuning“ von Körper, Geist und Seele. Dies führt zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte.

 

Weiters geht es wohl auch darum, den Betroffenen die Möglichkeit und Chance zu geben, selbst aktiv zu werden und eigenverantwortlich etwas zur Genesung beizutragen. Denn wer sich aufmacht, etwas für sich zu tun, hat den Glauben an die Kräfte seines Organismus nicht aufgegeben. Das Schöne daran: Shiatsu lebt vom Augenblick, vom Erleben des Hier und Jetzt, zeitlos und schön. Eine wunderbare Gelegenheit, sich fallen zu lassen. Und eine Aus-Zeit zu nehmen vom Leben mit dem Krebs.

 

Weiterführende Links:

www.shiatsu-austria.at

www.shiatsu-verband.at

 

Zur Person:

Gabriele Hufnagl-Kuhn: „Was mich mit Shiatsu verbindet?“

Gabriele Hufnagl-Kuhn, Journalistin

Als Gegenpol zu meiner oftmals schnelllebigen Arbeit als Journalistin,gibt mir Shiatsu den Raum zur Vertiefung, zur Ruhe, zum Innehalten. Ich arbeite gerne mit Menschen, ich berühre sie gerne und höre fasziniert den jeweiligen "Körper-Geschichten" zu, ohne diese zu bewerten und zu kommentieren. Das hat aus mir einen anderen Menschen gemacht - in sich ruhender, offener und einfühlsamer. Das Schöne daran: Ich habe dadurch auch gelernt, mehr im Moment zu leben und vor allem: bei mir zu sein.

 

Gabriele Hufnagl-Kuhn arbeitet seit 1995 beim KURIER, seit 1996 ist sie stellvertretende Chefin des FREIZEIT-Magazins des KURIER, seit sechs Jahren Autorin der Kolumne "Sex in der FREIZEIT". Nebenberuflich absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin.

 

 
   
 

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