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Gibt es ein Recht auf eine medizinische Zweitmeinung?
Von Dr. Sylvia Unterdorfer
Wir sind bei Dreharbeiten für die ORF-Sendung „Modern Times Gesundheit“ an der Universitätsklinik in Innsbruck.
Das Thema des Beitrags, an dem wir arbeiten: eine neue Methode zur plastischen Rekonstruktion der Brust nach einer Brustkrebsoperation. Elisabeth Ranacher-Höpflinger wurde eine Brust entfernt. Jetzt wird das fehlende Gewebe durch Gewebe vom hinteren Oberschenkel ersetzt. Das Ergebnis ist beeindruckend perfekt. Während wir filmen, erzählt die Patientin ihre Krankengeschichte:
Eine Entscheidung muss getroffen werden…
Bei einer Mammographie im Bezirkskrankenhaus Kufstein entdeckt der Radiologe einen kleinen Knoten in ihrer linken Brust. Er überweist Elisabeth Ranacher-Höpflinger an die Radiologie des Brustzentrums an der Universitätsklinik Innsbruck, wo mittels Ultraschall und einer Stanz-Biopsie die Diagnose Brustkrebs bestätigt wird.
Zunächst ist ein kleiner brusterhaltender Eingriff geplant. Doch dann zeigt eine Magnetresonanz-Tomographie, dass der Tumor doch größer als vermutet ist. Der Gynäkologe rät zur totalen Entfernung der Brust und diskutiert den Fall mit dem Abteilungschef, der wieder eine brusterhaltende Teiloperation für ausreichend erachtet. Elisabeth Ranacher-Höpflinger muss sich entscheiden. Sie wählt nach Konsultation des plastischen Chirurgen doch die Total-Operation mit sofortigem plastischem Aufbau der Brust. Die histologische Untersuchung bestätigt, dass es ist die richtige Entscheidung gewesen ist.
…ein optimales Umfeld hilft dabei
Hier war die Situation ideal. Ranacher-Höpflinger war an der Universitätsklinik in Innsbruck, in einem der ersten europäisch zertifizierten Brustkrebszentren in Österreich, wo alle Fäden zusammenlaufen und GynäkologInnen, RadiologInnen, Interne MedizinerInnen, PathologInnen und plastische ChirurgInnen gemeinsam die ideale Behandlungsstrategie für die jeweilige Patientin erarbeiten - mit all dem Für und Wider. Die letztendliche Entscheidung allerdings muss die Patientin treffen und tragen.
Bin ich in den besten Händen?
Unter dieser Überschrift motiviert die Österreichische Krebshilfe die LeserInnen ihrer Broschüren, in Zweifelsfällen eine zweite ärztliche Meinung einzuholen. Denn eine enorm wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist ein vertrauensvolles ÄrztIn- Patientinnen-Verhältnis. Wenn die Chemie nicht passt, oder frau das Gefühl hat, dass der Arzt/die Ärztin in dieser sensiblen Situation nicht ausreichend auf alle Fragen eingeht, sollte ein anderer Experte, eine andere Expertin konsultiert werden.
Betroffene sollen auch keine Scheu haben, ihrem Arzt bzw. ihrer Ärztin ungeniert kritische Fragen zu stellen wie z. B.: Wie viel Erfahrung haben Sie mit dieser Erkrankung? Wie viele Patientinnen mit dieser Erkrankung haben Sie bereits behandelt? Nimmt diese Abteilung an internationalen Studien teil? Gibt es hier eine interne Qualitätssicherung? Oder auch: Wie viele Brustkrebspatientinnen werden bei Ihnen pro Jahr behandelt?
Einer amerikanischen Studie zu Folge werden nämlich Patientinnen in Abteilungen, die viele „neue“ Brustkrebspatientinnen pro Jahr haben, erfolgreicher therapiert als in jenen Spitälern, in denen dies nicht der Fall ist. Daher ist die Zahl von 150 Brustkrebs-Neuzugängen pro Jahr auch eines der Kriterien für die europäische Zertifizierung eines Brustzentrums.
Kein gesetzliches Recht auf Zweitmeinung
Doch wenn frau sich entschieden hat, eine medizinische Zweitmeinung einzuholen - wer trägt die Kosten dafür? Das Recht auf eine Zweitmeinung ist nicht im Gesetz verankert. Prinzipiell gilt: Pro Quartal - ein Facharzt-Krankenschein. Wer im Januar zum Internisten/zur Internistin geht und nicht zufrieden ist, hat Pech. Er oder sie kann erst im April wieder einen neuen Experten, eine neue Expertin aufsuchen oder privat bezahlen. Nur bei triftigen Gründen, beispielsweise bei Wohnsitzwechsel oder wenn der Arzt/die Ärztin verstorben ist, genehmigt der/die Chefarzt/-ärztin eine zweite Begutachtung. So ist das Recht.
In der Praxis, wie Mag. Jan Pazourek von der Wiener Gebietskrankenkasse betont, schickt die/ der niedergelassene Facharzt/
-ärztin bei unklaren Befunden die Patientin mit einer Überweisung auf eine Spezialambulanz, wie zum Beispiel in ein Brustkrebszentrum, das dann nicht eine alternative, sondern eine ergänzende Funktion hat. Die Patientin kann eine Spezialambulanz auch von sich aus aufsuchen. Dazu braucht sie dann ihre Befunde. Und es ist im Gesetz verankertes PatientInnenrecht, dass jeder Patient und jede Patientin ein Recht auf eine Kopie seiner/ihrer Befunde und Krankengeschichte hat. Allerdings, wie Jan Pazourek erwähnt, können Spitäler und Arztpraxen von den PatientInnen Gebühren für Ausdrucken, Kopieren oder Speichern von Röntgenbildern auf CD-Rom verlangen.
Besuch beim Cyber-Doktor – das Internet als Informationsquelle
Eine japanische Studie hat gezeigt, dass schwerkranke Brustkrebspatientinnen, die über ihre Krankheit gut informiert sind, die bessere Behandlung erhalten und im Schnitt um ein Jahr länger leben. Der viel zitierte „Gott in Weiss“ scheint ausgedient zu haben, seit das Internet als Informationsquelle so weit verbreitet ist. Gesundheits-Links gehören neben Sex-Seiten zu den am meisten aufgerufenen Inhalten im Internet. Doch das Recherchieren via Computer ist so eine Sache, auch für uns GesundheitsjournalistInnen. Gibt man einen medizinischen Suchbegriff ein, muss man sich zunächst meist durch eine Flut kommerzieller Seiten dubioser Anbieter und selbsternannter Gurus durchkämpfen, bis man seriöse Information findet.
Fünf ÄrztInnen – fünf Meinungen
Fünf ÄrztInnen – fünf Meinungen, dazu noch die Überfülle an Informationen aus dem Internet oder aus Zeitschriften – und die Patientin bleibt verwirrter zurück als zuvor. Dann werden oft JournalistInnen - auch im ORF - kontaktiert. Verzweifelte PatientInnen schicken uns ganze Krankengeschichten und sogar Röntgen- oder CT-Bilder. Doch auch wir können nur versuchen zu helfen, im ÄrztInnen-Dickicht den richtigen Experten oder die richtige Expertin aufzuspüren. Also: Nicht lockerlassen. Der Arzt/die Ärztin ist nicht allwissend, sondern sollte beratende/r PartnerIn mündiger PatientInnen sein.
Dr. Sylvia Unterdorfer berichtet seit mehr als fünfzehn Jahren - zuletzt vor allem in den ORF-Sendungen „Modern Times Gesundheit“ und „Zeit im Bild“ - über die neuesten Trends aus Wissenschaft und Medizin.
Die Publizistik-Absolventin filmte für den ORF in den bedeutendsten Forschungsinstitutionen, nicht nur in Österreich, sondern weltweit: in den USA, Australien, Singapur, England, Deutschland, der Schweiz.
Für ihre interessanten und wissenschaftlich fundierten Beiträge zum Thema Gesundheit wurde die Fernsehjournalistin bereits mit mehreren Medienpreisen ausgezeichnet, unter anderem auch mit dem Pressepreis der Österreichischen Ärztekammer und der Ärztekammer für Wien.
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