Familienmitglieder werden von „Professionellen“ meist in ihrer Funktion als
Unterstützer des Betroffenen gesehen. Sie sind jedoch ebenso existentiell betroffen und
belastet wie der Erkrankte selbst.

Folgende vier hauptsächliche Belastungen von Angehörigen werden in der Literatur beschrieben:

→ Zukunftsangst
→ Problem, Informationen zu erhalten
→ Belastung, den Kranken leiden zu sehen
→ Belastung, nicht zu wissen, was als nächstes geschehen wird

In der Familie setzt sich jeder auf seine Art mit der Erkrankung auseinander. Es ist unmöglich sich dem zu entziehen.

Abhängig davon, wer krank ist, ergeben sich natürlich auch ganz unterschiedliche Probleme.
Ist der Vater erkrankt, ergeben sich, neben den oben genannten, vor allen Dingen
wirtschaftliche Nöte bzw. Ängste. Für die Kinder ändert sich rein äußerlich erst mal nicht
viel. Meist ist die Mutter die primäre Bezugsperson, der Vater ist üblicherweise tagsüber
sowieso abwesend. Die tägliche Routine kann weiterhin wie bisher aufrecht erhalten werden.
Die Mutter als Ansprechperson ist, wie sonst auch, anwesend.

Ist die Mutter erkrankt, ist von Anfang an ein wesentlich höherer organisatorischer Aufwand
nötig. Der Vater ist, wie bisher, tagsüber weg. Die Kinder werden während des
Klinikaufenthaltes der Mutter, von Dritten, evtl. Fremden, versorgt.

Teilweise kann die bisherige Tages- oder Wochenroutine nicht wie gewohnt beibehalten werden. Durch den
erhöhten organisatorischen Aufwand und die Besuche in der Klinik fehlt Zeit im täglichen
Ablauf. Manchmal können Kinder nicht mehr wie gewohnt ihren Hobbies nachgehen, da
niemand da ist, der sie z.B. zum Sport oder Ballettunterricht fahren kann. Teilweise entstehen
auch Probleme dadurch, dass die Kinder mehr Pflichten im Haushalt oder die Verantwortung
für jüngere Geschwister übernehmen müssen.

Die Krankheit eines Familienmitgliedes verändert die Familienstruktur, bis hin zu einer
veränderten Rollenverteilung. Für die Partner führt das zu zusätzlicher Belastung. Zu den
Zukunfts- und Verlustängsten, der Angst um den Partner, kommt die Angst, dem allen nicht
gewachsen zu sein, sich selbst und auch die Kinder zu überfordern.

Wie spreche ich mit meinem Kind über die Erkrankung?

Warum glaubten Erwachsene, dass Kinder Geheimnisse besser ertragen als
die Wahrheit?

"Wussten sie nichts von den dunklen Geschichten, die man sich
zusammenspinnt, um die Geheimnisse zu erklären?
Erst viele Jahre später, als Meggie selbst Kinder hatte, verstand sie, dass es
Wahrheiten gibt, die das Herz mit Verzweiflung füllen bis an den Rand, und
dass man von ihnen nicht gern erzählt, schon gar nicht seinen Kindern, außer
man hat etwas, das gegen die Verzweiflung etwas Hoffnung setzt."

 Cornelia Funke, Tintenherz

Diese Worte aus dem Roman „Tintenherz“ verdeutlichen sehr gut, was
in einem Kind passieren kann, wenn es spürt, dass etwas nicht stimmt, aber keine
Informationen erhält und damit auch keine Möglichkeit nachzufragen.

Eltern möchten ihre Kinder beschützen, sie so lange wie möglich von den vermeintlich
schlimmen Lebensrealitäten fern halten. Kinder spüren jedoch die Anspannung, die in der
Familie herrscht. Ihre Belastung steigt, wenn sie nicht oder nicht altersentsprechend über das
informiert werden, was in der Familie passiert.

„Untersuchungen des niederländischen Psychiaters Hans Keilson zeigen, dass nicht das
Ereignis selbst, sondern die Art und Weise, wie damit umgegangen wird, entscheidend für
eine gute Bewältigung ist.“

Werden die Kinder nicht informiert, fangen sie an zu spekulieren und die Bruchstücke, die sie
aufschnappen, werden in ihrer Phantasie unter Umständen zu echten „Horrorszenarien“.

Jede Wahrheit ist besser als die Ungewissheit.

Im deutschen Sprachraum beginnt man erst seit kurzem, sich mit dieser Thematik zu befassen
und zu forschen. Im anglo-amerikanischen Raum laufen in dieser Richtung schon lange Untersuchungen.

Einig sind sich alle, die sich mit der Fragestellung befassen, dass die Kinder frühzeitig
informiert werden sollen, am besten von dem Erkrankten selbst.
Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte während des Gesprächs immer wieder
nachgefragt werden, wie das Kind die Informationen verstanden hat. Es sollte ermutigt
werden, alle Fragen zu stellen, selbst wenn der Betroffene die Antworten manchmal nicht
weiß. In dem Fall sollte das auch offen gesagt und eine adäquate Antwort nachgeliefert
werden.

Außerdem ist darauf zu achten, Kinder nicht mit zu vielen Detailinformationen zu
überschütten. Stattdessen ist es sicherlich hilfreich, die Vereinbarung zu treffen, dass sie
rechtzeitig über Veränderungen und anstehende Therapien informiert werden.
Dabei ist es wichtig keine Versprechungen zu machen, die nicht eingehalten werden können.
Es ist wichtig, dass die Kinder verstehen, dass man heute nicht zwangsläufig an Krebs sterben muss.
Dass diese Möglichkeit dennoch besteht, sollte den Kindern offen gesagt und Fragen in
dieser Richtung offen beantwortet werden.

Die Nähe zum Erkrankten erhöht das Verantwortungsgefühl - und auch die Belastung.
Etwas mehr Distanz kann hier hilfreich sein. Unterschätzen Sie nicht die Tanten und
Onkel in der Familie. Es muss nicht immer therapeutische Hilfe sein. Die Besonderheit
professioneller Hilfe besteht ja auch gerade darin, dass die Helfer noch genügend Distanz
haben, um Hilfestellung leisten zu können.“ (Bernhard Kleining)

Auszüge aus:
https://www.afg-heidelberg.de/fileadmin/FwbOnkologie/Abschlussarbeiten/Goldner.pdf